Wunschmeer

Ich wünsche mir, es wäre das Meer.
    Es liegt vor mir, weit und ewig, weder mein Auge, noch mein Ohr ist im Stande es ganz zu erfassen. Am Horizont schimmert die Grenze meiner Welt und ich weiß, die Wellen reichen weiter. Sie glitzern im Licht, tanzen vor meinem Auge, als ahnten sie nichts davon.
    Mein Ohr weiß es besser. Es hat den tosenden Ruf vernommen, lauscht gebannt dem Rauschen, das aus der Tiefe kommt. Es verrät sein Geheimnis mit jeder Welle, die kommt und nimmt es mit sich, mit jeder Welle, die geht.
    Aber es ist die Straße.
    Sie läge wohl dreispurig vor mir und auf ihr die Fahrzeuge im Strom, der nie abreißt, höchstens anschwillt, um wieder abzuklingen, ohne ein Geheimnis zu bewahren.
    Jeder könnte es sehen. Es wären Schwarzwaldsprudel und Betonplatten, die da kämen, es wäre Sabine auf dem Weg zum Büro und Heintzes zweite Urlaubsreise in diesem Jahr, es wäre der Rettungswagen mit Peters gebrochenem Schienbein, das zum Krankenhaus rast und der Möbelwagen, der die Küche in die Neubausiedlung bringt.
    Es wäre der Fortschritt, der auf Rollen kommt, nicht um zu gehen, nicht um zu bleiben, denn bliebe er, wär er’s nicht und ginge er, läg hier das Meer.

Juli 2014