Müssen und Wollen (Müllen und Wossen)

Ich habe immer gewusst, was ich wollte, als ich musste. Nun, da ich nicht mehr muss, weiß ich nicht mehr, was ich will oder wollen muss, damit kein Muss sich einschleicht. Wie ich’s dreh und wende: Ohne diese Spaltung, die klare Aufteilung alles Tuns in einerseits müssen und andererseits wollen, bleibe ich ratlos zurück und frage mich, was nun zu tun sei.

Ein Leben, das so lange von einem Muss bestimmt war, entwickelt im Nicht-Müssen das Wollen. Ein Wollen also, das nicht müssend, doch vom Muss bestimmt ist, da es als sein Gegenstück entstand. Jetzt, da das Muss seine letzten Tage gezählt sieht, blickt das Wollen verstört nach der verhassten Liebe, glücklicher Pflicht, nach dem maßgebenden Muss – es fragt sich, was es ist und woraus es besteht. Das Wollen will wissen, was Freiheit ist und ob es sich, als ein Kind jener und damit frei nennen darf? Und dann weiter: heißt wollen auch können und damit dürfen – und damit müssen?

Kann es Leben geben, in denen erst das Wollen und darauf folgend das Müssen entsteht? Ohne Wollen also auch kein Müssen und damit doch wieder ihre Abhängigkeit von einander. Wahrscheinlich ist es gerade anders herum: nicht das Leben gibt erst das ein oder das andere, müssen oder wollen – sondern unser Leben dient der Bestimmung des Verhältnisses unseres Müssens und Wollens. Der erste Schritt ist die Erkenntnis ihrer Abhängigkeit sowie deren genaue Observation. Danach folgt die Annahme der gegenseitigen Bedingung von Müssen und Wollen.
Mein seufzendes Plädoyer der Stunde: Müllen oder wenigstens wossen – das wär schön!

 

Juni 2011
Regina Rechsteiner