Mit dem Denken ist nicht gut Kirschen essen…

Die Sonne scheint auf mich und die Kirschen, die neben mir im Gras liegend eine praktische Ablenkung zum nicht leichten Fassen meiner Gedanken darstellen. Immer wenn ein Gedanke halb fertig gedacht, als seltsame Materie, diffuse Energie heraustreten will in die Welt, um in Form von Sätzen greifbar zu werden, greife ich in die Kirschenschachtel und entgehe den quälenden Sekunden zwischen dem Denken und dem Fühlen der Gedanken.
Das Fühlen der Gedanken ist eigentlich das Nachdenken ohne das darin enthaltene nach. Denkend schweifen die Gedanken, wandern bald hierhin, bald dorthin, mal verzückt und flatternd wie Schmetterlinge, mal tausendfach mit Gewichten beschwert. Sie sind hier und dort zugleich, haben kein Ende, kein Anfang, ohne Ziel, Zweck oder Nutzen sind sie einfach nur da. Im Dasein so fraglos wie die gummihaften Grashalme zwischen meinen Zehen.
Denken ist der Strom der Gedanken – frei und ohne Form enthält er millionenfache Einfälle, Ideen so zahlreich wie die Sterne in der Nacht, Wahrheiten einfach und klar, genauso wie Lügen, Rationalisierungsversuche und Legitimationszwänge, dunkle Ängste, strahlende Träume, verzehrende Wünsche. Nichts ist so leicht wie Denken, es geschieht ohne Zutun. In dem Moment in dem wir aufgehört haben zu denken, ist auch unser Atem still gestanden.

Und nichts ist so schwer wie Nachdenken, denn mit dem Anheften des kleinen nachs, geben wir uns selbst die Aufgabe in den sprudelnden, mit tückischen Schnellen und Windungen versehenen, an manchen Stellen sogar reißenden Strom der Gedanken zu greifen mit dem Ziel ihm einen einzigen seiner Schätze zu entreißen, um ihn für sich stehend, klar und deutlich betasten zu können.

Ja, einen solchen Gedanken aus der Einheit der Menge herauszuschälen, ihn zu packen und bei Licht besehen zu befühlen, daran zu riechen und zu lecken, seinen einzigartigen Geschmack zu kosten, das möchte ich.

Doch dann gibt es da wieder die Kirschen, die da liebreizend rot mit ihren schönen Rundungen locken, die mit einfacher Direktheit ihren Saft versprechen und so dem Gedankengeschmack entgegenstehen. Lachend besingen die Kirschen die Leichtigkeit des süßen Lebens und klagend beweinen sie zugleich seine schwere Bitternis. Das eine oder das andere verkörpernd, erlöst mich die Selbstverständlichkeit der Kirschen vom anstrengenden Ringen um den Gedanken. Der Griff in die Schachtel überzeugt mit Schlichtheit, das bohrende Nachdenken schreckt ab mit Zweifel. Doch so einfach und verlockend die Kirsche, eines vermag sie nicht: Die Neugierde, das spannende Unbekannte, unverhoffte Erkenntnis im Sonnenlicht aufblitzend, Kraft der Möglichkeiten und vieles mehr, enthalten im Geschmack der Gedanken.

Am Ende aber weiß ich: mit dem Denken ist nicht gut Kirschen essen und mit den Kirschen ist nicht gut zu denken.

 

Juli 2010
Regina Rechsteiner