In der Bibliothek

Blätter knistern und Stifte kratzen durch die emsige Ruhe, die wie ein Netz im Lesesaal gespannt ist, das jeden sicher auffängt, sollte er aus höheren Gedankenwolken stürzen, das weiß und klebrig jeden hält und zwingt zu bleiben. Zögerliches Aufblicken, unsicheres Umherschweifen, hilflose Augen suchen nach der Spinne, aus der das bindende Gewebe kommt, blicken nach oben, nach unten und zu beiden Seiten, vergessen aber, nach innen zu schauen. Da sitzt sie nämlich, dick und ehrlich, spinnt sie schweigend Stille.

Die Decken sind hoch und gewölbt, als böten sie wie übergroße Schädel mehr Platz zum Denken für alle an. In Wahrheit aber sind sie heimliche Komponisten, lieben bloß den Hall und haben es sich zum Ziel gemacht, jedes Flüstern und Rascheln, jedes Tippen und Scharren herauszustellen und zu betonen, als käme ihnen allein die wahre Bedeutung der Bibliotheksatmosphäre zu.
Die Bücher indes, zu hunderten stolz und ehrwürdig in den Regalen platziert, verachten das fröhliche zur Schau Stellen der Gedankenlosigkeit, protestieren stumm gegen respektlose Geräusche und kehren uns aus Prinzip den Rücken. Stolze Wesen sind sie, ja, je mehr Wörter sie beheimaten, desto stärker schwellen sie ihre Brust.

Zögerliches nach unten Schauen, ein Blatt wirbelt wie unruhige Scham zu Boden. Vor mir leuchten Buchrücken wie heroische Helden in mein Bewusstsein, mahnen mich zur Disziplin, werfen allmächtigen Schatten auf meine Untätigkeit. Fröhliches zur Schau Stellen der eigenen Gedankenlosigkeit, beliebiges Geplapper umweht die in Papier gegossenen Größen wie unangenehm aufdringliches Parfüm. Zitternde Gedanken wärmen sich im Blätterrascheln bevor sie vergehen im Einerlei der pflichtgemäßen Konzentration. Bücherstapel, hoch und schwer, türmen sich vor Einzelnen, manifestieren das Denken glaubwürdig.
So umgeben von ehrwürdigen Wissensbergen springt das Eigene wie eine kleine Bergziege, hier und da geschwind dem Himmel entgegen oder bleibt stecken in irgendeinem Felsenspalt, verharrt im Dunkel, wartet bis Gras wächst oder jemand kommt. Der Himmel bleibt dann Traum und einsam vergeht es im Schlund des Berges, vom Wissen verschlungen.

 

März 2012
Regina Rechsteiner