Frau Pfau

[AUSZUG]

Das kleine Tor des Hinterausgangs fiel dumpf ins Schloss und Frau Pfau wandte sich noch einmal um, blickte den grauen Glotz entlang, nach oben zu den hundert Fenstern, die meisten ohne Gardinen, kein einziges mit Geranien davor, um sicher zu sein, dass niemand sie sah.
      Die Betreuer der Seniorenresidenz mochten es nicht gerne, wenn sie mittags den Kuchen einsteckte und die Cafeteria sofort wieder verließ, um draußen zu essen. Sie verstanden einfach nicht, dass sie gerne allein aß. Auch nach beinahe sieben Jahren im betreuten Wohnen, war sie immer noch lieber allein, vermied die Spielabende und Bastelgruppen, schlang das Mittagessen der Kantine schnell hinunter, es schmeckte ohnehin gräulich und stahl sich davon, wann immer es ging.
      Anfangs hatten sich die Betreuer beschwert und die Hausleitung schlug wöchentliche Sitzungen mit einem Psychologen vor. Das Gerede ging Frau Pfau allerdings so auf die Nerven, dass sie in der dritten Sitzung erklärte, sie würde fortan nicht mehr kommen. Als sie dann wirklich statt zum Psychologen in den nahegelegenen Stadtpark verschwand, ließ man sie damit in Ruhe. Es gab schließlich niemanden, der sich interessiert hätte.
      Tochter überwies pünktlich den monatlichen Betrag und sogar immer ein kleines Taschengeld extra, zu Besuch kam sie nie.
      Auf gelegentliche gemeinsame Aktivitäten hatten die Betreuer aber trotzdem nicht verzichten wollen und besonders Kaffee und Kuchen am Nachmittag galt als Akt der Gemeinschaft.

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Ihre Schritte federten, die zwei treuen Begleiter an ihren Füßen taten heute wieder einen guten Dienst. Frau Pfau drückte den Absatz mit noch etwas mehr Schwung in den Boden, damit es richtig schön klackte und jeder hören konnte, wie gut die beiden klangen.
      Was für ein herrlicher Nachmittag es doch war, wie für einen Spaziergang gemacht. Die Sonne schien zwar etwas zögerlich, aber dafür sahen die Wolken fast so weiß aus wie die Meringen beim Bäcker in der Auslage und selbst der Regen bröselte wie feiner Staub aus ihnen hervor, ganz als wolle er ihrem Vergleich gerecht werden.
      Ihren Schirm hielt sie über dem Kopf und der blaue Stoff, um die dünnen Metallstreben gespannt wie die Muskeln eines Zehnkämpfers, schützte sie vor fast allen Tropfen. Eine Glanzleistung! Obwohl auch an ihm die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen war. Immerhin hatte er früher ihren Mann fast täglich zur Arbeit begleitet, hunderte Male, wenn nicht sogar tausend Mal war er geöffnet und wieder geschlossen worden, wahrscheinlich öfters als jedes Buch in der Bibliothek und öfters als alle Blumenknospen in ihrem Garten. Nein, in diese Kategorien passte ihr blauer Schirm längst nicht mehr, er war mehr – zählte sie all die Jahre, die er bei ihr verbracht hatte – wie eine dritte Hand, die sie so selbstverständlich zückte, als reichten die Nerven bis in den braunen Griff und in die silbrigen Spitzen am Rand des Stoffs.

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Frau Pfau musste die U-Bahn benützen, um zum Park zu gelangen. Sie drängte sich an den Menschen vorbei – weiß Gott, wohin die alle immer unterwegs waren – und sank auf den letzten freien Platz der Haltestellenbank. Kalter Rauch stieg ihr in die Nase. Neben ihr saß ein junger Mann, in der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen eine Zigarette. Das Bier tropfte vom Flaschenhals und neben ihren Schuhen entstand ein Punktemuster.
      Früher hätte es das nicht gegeben, nicht zuhause, da wäre das nicht möglich gewesen.
      Erstens, weil man mittags nicht einfach Bier auf der Straße trank und zweitens, weil es keine Haltestellen gab. Beziehungsweise, es gab zwei Haltestellen für den Bus, aber der kam so selten, zwei Mal am Tag, dass ihn niemand nutzte. Alle nötigen Wege konnte man ohnehin zu Fuß gehen. Und einen Park, einen Park brauchte man auch nicht, denn Bäume, Büsche, Blumen wuchsen sowieso überall – das Dorf war der Park!
      Hier war das natürlich anders, hier war Stadt. Straßen, Autos, Reklameschilder und Menschen soweit das Auge reichte, Rauchschwaden, Lärm und Gestank – was wollten die Menschen hier bloß? Was wollte ihre Tochter hier?
      Nicht so eng, sei es und interessant, auch kulturell und man könne frei sein. Das war ihre Meinung gewesen.
      Frau Pfau fand nichts von alledem bestätigt, als sie in die Stadt zog – ziehen musste – weil ihr Mann verstorben war und sich daheim niemand mehr um sie kümmern konnte. Die Tochter hatte einen Platz im betreuten Wohnen in der Stadt, in der sie damals lebte, gefunden und sie mitgenommen.
      Ein Jahr später bekam die Tochter das Angebot, für ein Projekt im Ausland zu arbeiten – Südafrika, Menschenrechtsorganisation, einmalige Chance – und nahm das Angebot an.

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Im Park neigten die alten Kastanien ihr Haupt wie ihr zum Gruß und der Wind strich sanft darüber wie ein Vater über seinen Schützling. Frau Pfau nickte und schritt unter ihnen weiter in Richtung des kleinen Teichs um den herum ein paar Bänke standen. Sie zog ein gelbes Frotteetuch aus dem dicken Bauch der Handtasche, die ihr am Arm hing, wischte ein Stück Sitzfläche und Rückenlehne trocken und setzte sich.
     Dann legte sie das Tuch neben sich und platzierte ihre Tasche darauf.
     Sie sollte es weich haben, die alte Freundin, und nicht schmutzig werden – diese feuchten Bänke mit den morschen Holzlatten, die mit schmierigem Moosfilm fast wie mit Zuckerguss lasiert waren, brachten es fertig, überall ihre grünen, klebrigen Spuren zu hinterlassen. Immerhin war sie eine von Welt, kam aus einer kleinen Boutique in Paris und auch wenn ihr rotes Leder an einzelnen Stellen schon etwas brüchig geworden war, konnte man ihre Eleganz, ihre Klasse doch noch immer von Weitem erkennen.
     Der obere Rand war mit kleinen goldenen Perlen gesäumt – sicher, es war kein echtes Gold, aber es glänzte mindestens genauso sehr oder vielleicht sogar ein klein Wenig mehr – und die Träger, ebenfalls aus rotem Leder, waren mit geschwungen Ornamenten versetzt, wie man sie sonst nur auf kostbarer Abendgarderobe fand.
     Das schönste an ihr jedoch und das, was – wie Frau Pfau fand – sie zu einer ganz besonderen Tasche machte, einer, die noch unter tausend anderen hervorstach, war die kleine Elfe, die als ein Teil des Verschlusses auf dem einen Rand der Tasche saß und die Hände zu einem Kelch geformt hatte. Schloss man die Tasche, sprang eine goldene Kugel, von derselben Größe wie die Perlen, am anderen Rand der Tasche angebracht, in die Hände der Figur. Damit war es nie bloß das Öffnen und Schließen der Tasche, immer ließ sie gleichzeitig die Elfe mit ihrem Ball spielen. Öde Funktion und drolliges Spiel waren ein und dasselbe. Zauberhaft!
     Manchmal öffnete Frau Pfau die Tasche einfach nur aus Freude am Öffnen in einer langweiligen, reizlosen Umgebung und manches Mal schon hatte sie die Tasche mit ihrer Eleganz sogar gerettet.
     „Wie, keine Einladung? Ihr Mann, verhindert? Keine Umstände, Frau Pfau, kommen Sie herein, ihre Tasche, ach wie schön, ihre Tasche können sie dort drüben bei den Hüten platzieren.“
     Und nie hatte sie später noch eine andere mitgenommen, ganz gleich, ob sie sonntags in den Gottesdienst, zum Elternabend in die Schule oder zum Geburtstagskaffe bei den Nachbarn ging, immer war es die rotbauchige Tasche, die sie treu und mit Würde begleitete. Fast wie eine Freundin – könnte sie sprechen, Geschichten über Geschichten würde sie erzählen über ihre gemeinsamen Auftritte.

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Das allein Sein hatte Frau Pfau nie gestört, auch damals im Dorf nicht. Als junge Mutter hatte sie tagsüber immer genügend zu tun gehabt, die Wäsche, das Putzen, der Garten, langweilig wurde ihr nie. Es machte nichts, dass ihr Mann immer erst spät abends aus dem Büro kam, dann meistens gleich in seinen Sessel sank und die Zeitung vor sich aufspannte wie ein Schild.
     Er konnte ohnehin manchmal etwas ruppig sein, da war es immer besser er las. Nach ein paar Jahren Ehe erkannte sie es schon an seinem Blick, wenn er zur Tür herein trat, die dunklen Augen waren dann seltsam stumpf, als läge eine zweite, noch dunklere Haut darüber, die alle Lichtreflexe abhielt, und spätestens wenn er das Abendessen verschlang als wäre er bei einem Wettkampf, jedes Fleischstück zur Zielscheibe wurde, in das die Gabelspitzen wie Pfeile zu treffen hatten, dann legte sie vorsichtig die Zeitung auf den Tisch und verabschiedete sich von ihm für einen kleinen Abendspaziergang.
     Immer wenn sie zurückkam, war die zweite Haut verschwunden und der Blick aufgeräumt. Sie setzte sich dann trotzdem nicht zu ihm, sondern ging ins Zimmer der Tochter und verbrachte den Abend mit ihr.
     Nach ein paar Jahren, als die Tochter älter geworden und nur noch selten zu Hause war, hatte Frau Pfau dann ihre Leidenschaft fürs Backen entdeckt und ersetzte die Abendspaziergänge durch Kuchen backen. Ihr Mann hatte sich währenddessen eine Modelleisenbahn zugelegt und verzog sich nach Feierabend immer schnell in den Keller.
     Nein, das allein Sein, das war nie ein Problem gewesen.

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Noch bevor sie sich ihren Schuhen widmen konnte, auf die sich ein paar nasse Grashalme verirrt hatten, schwammen zwei Enten ohne Umschweife direkt auf sie zu, als wären sie miteinander verabredet und hätten nur auf das Eintreffen von Frau Pfau gewartet.
     Sie beugte sich ein wenig nach vorne und streckte den Kopf vor.
     Sie hatte es mit zwei prächtigen Exemplaren zu tun, nein, wirklich, beide trugen blaugrün schimmernde Federn vom Kopf bis zum Hals und ihre Schnäbel glänzten so hübsch gelb, als wüssten sie, dass heute Sonntag war. Was für eine schöne Überraschung!
     Die Enten glitten über das Wasser, wie zwei scharfe Messer, die etwas entzwei schnitten, als bewegten sie sich nicht auf einem runden Parkteich mit trübem Wasser, sondern über eine Sahnetorte auf dem Kaffetisch. An Land wackelten sie weiter auf Frau Pfau zu, schnatterten ein bisschen, reckten die Hälse in die Höhe.
     Je näher die beiden Tiere allerdings kamen, desto gerader wurde Frau Pfaus Blick, irgendwo in der Ferne angeheftet, lief er beinahe wie eine Horizontale aus ihrem Gesicht, über die Herannahenden hinweg, fast so, als hätte sie gar nichts bemerkt. Nur ihre Hand stahl sich immer wieder hilfesuchend hinüber, um das rote Leder unter sich zu spüren. Und als sie nur noch wenige Entenschritte vor ihr waren, Frau Pfau schon aus dem Augenwinkel sehen konnte wie der hellgraue Lappen immer wieder blitzschnell über die schwarzen Knöpfe wischte, mit denen sie vermutlich sahen, konnte sie nicht mehr anders und zog die rote Handtasche auf ihren Schoß, hielt sie fest vor sich gedrückt und blickte den Enten mitten ins Gesicht.
     Diese schnatterten einfach weiter und bewegten sich auf der Stelle, tänzelten von einem gelben Bein auf das andere. Eine unsichtbare Wand schien sie abzuhalten noch näher zu kommen.
     Langsam, als könnte sie die Wand mit zu schnellen Bewegungen niederreißen, griff Frau Pfau an die kleine Elfe, spürte, wie sich der Ball aus ihren Händen löste und holte eine speckige Papiertüte heraus.
     Das Rascheln ließ die grünblauen Hälse lang werden wie die Gummibänder, die sie früher ihrer Tochter ins Haar gesteckt hatte. Das sah vielleicht lustig aus!
     In ihrer Hand hielt sie nun ein Stück Apfelkuchen und lächelte. In diesem Moment schob sich die Sonne an der dicken Wolke vorbei und leuchtete ihr ins Gesicht. Sie nahm ein kleines Stück Kuchen, hielt es kurz in die Luft – die Hälse reckten sich noch mehr, soweit sie nur irgendwie konnten – und schob es in ihren Mund. Sie kaute genüsslich, sichtbar und ließ sogar, leise zwar, aber dennoch ein Schmatzen hören. Dann, nachdem sie ausgiebig geschluckt hatte, brach sie ein zweites, kleineres Stück ab und warf es vor ihre Füße.
     Die Enten stoben auf, schossen ihre Schnäbel wie Pfeile auf den Leckerbissen, eine traf, die andere versuchte ihr noch den Sieg abzuringen, aber die eine war stärker und schluckte. Schon traf ein zweiter Bissen, weiter rechts, näher bei der anderen, die leer ausgegangen war, auf die Erde. Und wieder ging ein Ruck durch beide Körper und sie stürzten sich darauf. Sie flatterten, rissen an dem Brocken, stachen sich gegenseitig mit den Schnäbeln in die Federn, zankten und stritten sich um jeden Krümel.
     Und Frau Pfau beobachtete, griff wieder und wieder zum Apfelkuchen, vergaß ganz selbst etwas zu essen und warf nur noch Bissen um Bissen vor sich. Der Entenstreit fesselte sie.
     Zuerst verteilte sie die Kuchenstücke leichtfertig, warf sie ziellos in die Luft, sah zu, wie sie irgendwo landeten und machte kleine Wetten mit sich, welche der beiden Enten gewann und als erste zuschnappte.
     Nach einer Weile beschlich Frau Pfau jedoch der Verdacht, eine der beiden könnte schwächer sein als die andere. Sicher, Größe, Form, Farbe, in allem waren die Tiere vollkommen identisch, aber eine Sache unterschied sich doch. Die Augen!
     Eine Ente blinzelte ununterbrochen, ständig wischte der graue Lappen über den glänzenden Blick, der das Licht zu reflektieren schien, beinahe als kämpfte sie mit den Tränen. Die andere hingegen blinzelte überhaupt nicht, nicht einziges Mal, sie stierte aus den kleinen stumpfschwarzen Kugeln, fast wie ihr Mann, an den schlechteren Tagen, registrierte jede Bewegung und schnappte der zweiten so viel weg, wie sie nur konnte.
     Natürlich warf sie jetzt nur noch in Richtung der schwachen Blinzelnden. Die Ärmste! Trotzdem bekam sie nicht mehr Kuchenstückchen ab.
     Ihr Verdacht hatte sich bestätigt.
     Und je mehr Frau Pfau versuchte für Gerechtigkeit einzutreten, je mehr Kuchen sie vor ihren Füßen verteilte, desto frecher und gieriger wurden beide Enten. Sie kamen immer näher, die unsichtbare Wand rückte weiter und weiter auf Frau Pfau zu, bis sie schließlich ganz zerfiel.
     Ein Tier pickte nach ihrem Schuh.
     Frau Pfau entwich ein kurzer Schrei. Sie zog erschrocken ihre Füße weg und stampfte gleich darauf fest auf den Boden. Was fällt euch ein! Ihr wilden Tiere!
     Aber die Enten wichen nur kurz zurück, ließen sich nicht weiter beeindrucken oder waren vom Zucker wirklich wild geworden und scharten sich weiter auf und ab hüpfend um Frau Pfaus braune Schuhe.
     Lasst mich! Oder keinen einzigen Krümel bekommt ihr mehr!
     Wieder keine Reaktion, sie begriffen einfach nicht, diese dummen Tiere.
     Was seid ihr nur für dumme Tiere!
     Dankbar solltet ihr mir sein!
     Und da streckte Frau Pfau die Hand zu ihrem blauen Gefährten, der faltig, aber immer noch stramm neben ihr lehnte und zielte mit ihm auf die Enten.
     Diese schreckten auf, sprangen aufgeregt davon und hielten sich ein paar Schritte entfernt, in sicherem Abstand.
     Wenn ich dich nicht hätte! Frau Pfau lehnte ihren Schirm zurück an die Bank und stieß Luft aus. Ihre Finger zitterten noch, als sie kurz darauf in den Apfelkuchen biss.
     Sie kaute wieder, schmatzte, machte „hmmm“ und starrte mit zusammen gekniffenen Augen zu den zwei Enten hinüber. Wagt es nicht! Und die zwei braunen Schuhe stampften wie zum Beweis noch einmal auf.
     Doch die Tiere, mehr instinkt- als vernunftbegabt, verstanden ihre Worte nicht, sahen nur das Leckere, was zuvor auf dem Boden gelegen hatte und nun irgendwo verschwand. Und weil das blaue, spitze Ding jetzt wieder regungslos ruhte, der Kuchen aber immer noch genauso süß duftete wie zuvor, setzten sie sich wieder in Bewegung, watschelten vorsichtig zur Parkbank zurück.
     Frau Pfau spannte sich, fast hob sich ihr Hintern von der Bank, bloß die Schuhe blieben fest auf dem Grund. Sie kaute langsam, als hätte ihre Kaugeschwindigkeit Einfluss auf die Bewegung der Tiere und beobachtete.
     Sie kamen näher.
     Sie begann mit den Zehen zu wackeln, erst mit dem rechten Fuß und ganz leicht, dann auch mit links und stärker, aber die Schuhe blieben ruhig. Ihr könnt mir gar nichts! Dumm seid ihr!
     Als die gierigen Tiere jedoch wieder die gleiche Höhe erreichten, wie noch kurz zuvor, beruhigten die Schuhe nicht mehr.
     Frau Pfau packte ohne zu überlegen nach ihrem Schirm, stieß zwei Mal in die Luft und fand endlich den kleinen Knopf am Griff. Mit einem dumpfen Knall, wie wenn ein Stabhochspringer es über die Latte schafft und auf der Matte landet, puffte der blaue Stoff mit Wucht auf. Puff!
     Die Enten kreischten, flatterten aufgeregt mit den Flügeln. Und noch bevor sich Frau Pfau mit dem aufgespannten Schild weiter verteidigen konnte, flogen sie davon.
     Sie streckte ihren tapferen Gefährten trotzdem noch ein paar Mal drohend in die Luft. Fliegt ihr nur davon! Das hättet ihr nicht gedacht!
     Frau Pfau schnaufte und starrte den kleiner werdenden Punkten am Himmel hinter her. Am Ende war es doch immer wieder dasselbe: man war nett, oder nein, nicht nett, liebevoll sogar, sorgsam, man kümmerte sich – feinster Apfelkuchen! Selbst gebacken! – und was kam dabei heraus? Vollkommen undankbar, gierig waren sie, nur auf den eigenen Vorteil bedacht und schreckten sogar vor böswilligem Angriff nicht zurück! Und am Ende, am Ende, was blieb da? Sie schluckte.
     Ihre Tasche war beinahe von den Knien gerutscht. Schnell griff sie nach ihr, streichelte ein wenig über das schöne rote Leder, die feinen Linien, an denen es schon gebrochen war, die sich wie zarte Falten über den Bauch streckten. Nie hatte sie sich entscheiden können, ob sie eher den dünnen Fältchen glichen, die um die Augen herum wie Strahlen platziert waren, als würde im Alter das Leuchten der Augen stärker und damit auch die Strahlen, die sie aussandten. Oder ob sie doch fröhlicher waren, mehr den robusten Falten um den Mund herum entsprachen, und mit jedem Lachen ein bisschen tiefer wurden.

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November/Dezember 2013
Regina Rechsteiner