Eisenbahn

[AUSZUG]

I

Wie schön war es doch so oben auf zu sein, sich tragen zu lassen durch eine kleine Welt, deren Schönheit sich fast magisch in tausend Einzeldingen verliert und die sich dennoch im Ganzen zu zeigen vermag.
     Sie saß auf dem Dach des Zuges und glitt wie von selbst durch die Landschaft. Kleine Häuser huschten vorbei, ein tannengrünes Wäldchen kam und ging, ein See erstreckte sich glänzend längs neben den Schienen. Dann ging es leicht bergauf, zwei große Berge erschienen vor ihr und der Zug wand sich Kurve um Kurve bis in die weiß leuchtenden Gipfel. Dort oben führte eine Brücke über tiefe Schluchten und obwohl sie schmal war und aus nichts als bloßer Schiene bestand, blieb sie standhaft. Auch als sie dann aus der Höhe zurück ins wiesengrüne Tal abtauchte, war es fast so als flöge sie stolz und frei über diese Welt wie Sindbad mit seinem fliegenden Teppich über den Orient.
     Erst etwas später, bei einer starken Neigung des Zuges, wackelte die Figur und fiel hinab.
     Ulrich hob sie behutsam auf. Sie war quer vor das Rathaus gefallen, das mit seinen hellgelben Wänden und dem schwarzen Schieferdach in der Mitte des niedlichen Dorfes stand. Immer an dieser Stelle passierte es, dachte Ulrich, als rufe die Pflicht immer gerade dann, wenn einer versucht ist, ungehindert und ohne Zwang über die Dinge hinweg zu gleiten, um einem Ausreißer wieder den Boden unter die Füße zu bringen. Die kleine Figur stimmte ihm stumm und mit ernstem Gesicht zu, eine braune Tasche hing starr in ihrer Hand. Ulrich seufzte, „die Pflicht ruft“ und setzte sie zurück vor die Eingangsstufen des Rathauses.

Er wandte sich um und widmete sich wieder einem riesigen Stück schwarzem Samtstoff, das er auf seinem Arbeitstisch ausgebreitet hatte. Er heftete kleine Lämpchen daran, um ihn später oben an der Decke anzubringen. Ein Nachthimmel mit kleinen funkelnden Sternen fehlte noch in seinem Lichtprogramm, eine kräftige Mittagssonne, rosabläuliche Morgenröte und die schattige Dämmerung hatte er bereits installiert. Es sollte nämlich alles perfekt werden oder zumindest echt wirken und zum Rest passen, mit dem er sich so viel Mühe gegeben hatte wie nie zuvor.
     Manchmal wunderte er sich selbst darüber und insgeheim war er wirklich froh, dass niemand wusste, woran er hier im Stillen arbeitete und was er heimlich geschaffen hatte. Bestimmt würden sie ihn für vollkommen verrückt erklären oder vielleicht würden sie erst verständnisvoll lächeln, sich dann aber nur wenig Mühe geben zu verheimlichen, dass sie ihn für einen verschrobenen alten Kauz hielten, der nichts zustande brachte als sich dem Leben zu verweigern und der sich in einen nutzlosen, inneren Emeriten verwandelt hatte.
     Die Gesichter seiner Mitmenschen konnte er bildlich vor sich sehen, seine Arbeitskollegen vom Amt, die mit großen, ungläubigen Augen schauen und sagen würden, und wir dachten, wir wüssten, wer Sie sind. Oder seine alten Fußballfreunde, die zwar lachen und ihm auf die Schulter klopfen, ihn dann aber plötzlich öfters vergessen würden, zum Stammtisch einzuladen oder seine Frau, die mit einem bitteren Grinsen und verschränkten Armen dastehen, enttäuscht den Kopf schütteln und ihn schweigend verlassen würde.
     Nein, Ulrich schüttelte sich, von diesem Ort würde niemals jemand erfahren, für keinen Preis der Welt nicht. Und wie um seine Gedanken zu besiegeln, hob er den Blick vom schwarzen Stoff und betrachtete seine Installation.

Der ganze Raum war nahezu eine einzige riesige Landschaft, die sich, mit Ausnahme eines kleinen Arbeitstisches, vom Boden bis zur Decke und in alle Ecken erstreckte. Aber mehr noch als die Dimensionen, beeindruckte Ulrich die Vielfalt der Landschaft, die wie er glaubte, es fast mit den Bildern in seinem alten Geografiebuch zu Schulzeiten hätte aufnehmen können. Es gab neben einem mit Schnee bedeckten Eisgebirge, überall kleine und große Hügel, bewaldete Hänge, zwischen denen sich grünbuntgefleckte Täler erstreckten und dazwischen eine Vielzahl an breiten Flüssen, kleinen Bächlein, Teichen und von Schilf und Morast umgebene Seen. Und darüber hinaus war längst nicht alles grün, nein, in einer Ecke war ein Stück sonnengelber Wüste inklusive kleiner Oase entstanden, die wiederrum irgendwo in eine Steppe mit dürren Sträuchlein überging und schließlich in eine rote Felsenebene mündete. Und während ganz am linken Rand ein Sandstrand begann, der sich im Horizont eines angedeuteten Meeres verlief, sprießte weiter rechts sprichwörtlich ein Stück Urwald voller grünem Dickicht und exotischer Blüten.
     Auch hatte Ulrich nicht alles der Natur überlassen, nach und nach hatte er ebenso der Zivilisation zu ihrem Recht verholfen. Es gab also größere Städte, kleinere Dörfer und überall verstreut Einsiedlerhöfe, in der Steppe war sogar eine kleine Zeltstadt für Nomaden errichtet.
     Und jede Ansammlung von Häusern war für sich einzigartig, keine glich der anderen. So gab es in der einen Stadt neben den üblichen Gebäuden auch ein verschnörkeltes Theatergebäude, in der nächsten einen kleinen Rummel und in der übernächsten einen großen Wochenmarkt. Überall standen oder saßen Menschen, kleine glänzende Figürchen, zum Beispiel sah man sie gerade aus der Wohnung treten, mit dem Hund durch den Park spazieren, auf einer Parkbank Zeitung lesen, vor einem Polizeirevier mit Uniform stehen oder eben auf den Stufen eines Rathauses mit Aktentasche in der Hand.
     Die Hauptattraktion aber, die Krönung der Schöpfung sozusagen, verlief mitten durch, erstreckte sich über die ganze Szenerie: die Schienen der Züge. Diese schimmernden Metallstreben sah man kreuz und quer, sie schlängelten sich mal fast aberwitzig durch Täler, tollten sich aus in Zacken, Ecken und waghalsigen Kurven, an anderen Stellen schmiegten sie sich sanft und nahezu perfekt um die Berge, wie Halsketten um den Hals einer Schönheit. Ja, Ulrich schien es sogar, als durchzögen die Schienen seine Landschaft wie Adern einen Körper, die dabei das Leben selbst transportierten. Natürlich ratterten verschiedene Züge in regelmäßigem Puls darüber, rauschten durch die Täler und über die Gipfel hinfort und kamen immer wieder zurück.
     Ein ewiger Zirkel, ohne Anfang und Ende und Ulrich hatte ihn in Gang gesetzt.

II

Ein dumpfes Klingeln erreichte sein Bewusstsein, widerwillig legte er den Stoff ab. Er beeilte sich die wenigen Stufen der kleinen Holzleiter nach oben zu klettern und griff gleich zum Telefonhörer. Eine Stimme plärrte:
     „Ulrich! Ulrich, wo bleibst du schon wieder? Du weißt, wir sind um 12 Uhr mit den Krulls zum Mittagessen verabredet. Mit den Krullls! Ich will mich keinesfalls verspäten, weil du wieder einmal den Sonntag in deinem Büro vergessen hast.“
     „Ja Sabine, ich komme schon, ich bin gleich bei dir, gib mir nur noch einen Moment!“
     „Das sagst du immer!“
     „Ja, Sabine, ich meine nein, also ich komme schon!“
     Hastig ließ er den Hörer fallen, stieg noch einmal die Leiter nach unten, schenkte seinem Werk einen letzten liebevollen Blick und löschte das Licht.
     Ohne ein Lächeln empfing Sabine ihren Mann, als er aus der Kellertür ins Wohnzimmer trat.
     „Wurde aber auch Zeit“, kommentierte sie und fuhr fort ihrer Tochter die Haare zu bürsten. Ulrich trat vor das braune Ledersofa, auf dem die beiden saßen.
     „So kann ich doch gehen oder?“
     Eine Antwort erwartete er eigentlich nicht. Er wollte seiner Frau erlauben zu entscheiden, vielleicht hellte dies ja die schlechte Stimmung, die sie wegen seines Aufenthalts im Keller wieder einmal hatte, etwas auf und zumindest konnte er so der Gefahr entgehen, hinterher von ihr zu hören, wie er wieder ausgesehen habe, bei einem solchen Anlass. Bezüglich dieser Treffen konnte er es ihr nie Recht machen, wenigstens was die Kleiderwahl anging wollte er sich einfach nur ihrem Willen fügen.
     Sabine hob einen Moment ihren Blick, zog die Augenbraue leicht schief nach oben.
     „Da ist ein Fleck auf deinem rechten Hemdärmel. Vielleicht wäre es angebracht, sich umzuziehen.“
     Gleich darauf bürstete sie weiter die braunen Locken ihrer Tochter, jetzt energischer als zuvor, sodass die Kleine unter ihr leise zu wimmern begann.
     „Entschuldige mein Schatz, es herrscht mal wieder eine große Unordnung auf deinem Kopf“, sagte sie fürsorglich, ohne jedoch die Kraft mit der sie bürstete zu verringern, und mehr in Ulrichs Richtung bemerkte sie noch „außerdem ärgere ich mich über deinen Vater.“

Mit hängenden Schultern schlurfte Ulrich die Treppen nach oben ins Schlafzimmer und versuchte die letzte Bemerkung seiner Frau zu vergessen. Er wechselte sein Hemd und betrachtete sich im Spiegel des Kleiderschranks. Sein Ich stand ihm undeutlich, fast trüb gegenüber. Er griff nach seiner Brille, setzte das dünne, silberne Drahtgestell mit den dicken Gläsern auf seine Nase und sah nun deutlicher einen schmächtigen Mann mittleren Alters, dessen Oberkörper ein Wenig zu lang und dessen Beine dafür ein Wenig zu kurz geraten waren, und der deswegen, als Ausgleich sozusagen, beim Gehen immer etwas größere Schritte zu machen pflegte, als bei den Verhältnissen seines Körpers eigentlich angemessen gewesen wäre.
     Wie ein fliehender Zwerg, Ulrich machte sich nichts vor, mit seinem Körper war eben nicht mehr viel los. Früher auf dem Fußballplatz hatten Sie ihn Wiesel genannt, klein und wendig war er damals gewesen. Heute schien ihm das Etikett Zwerg irgendwie passender.
     Mit den Jahren hatte er sich zudem angewöhnt immer ein bisschen schlechter von sich selbst zu denken, als die meisten anderen Menschen von ihm dachten. So blieben ihm zumindest immer wieder kleine Überraschungen im Leben. Immer dann, wenn jemand etwas Positives oder gar ein Lob aussprach, war er ganz verwundert, freute sich und verbrachte einen schönen, herrlich leichten Tag.
     Wahrscheinlich war es gut gewesen, dass seine Frau ihn zum Wechseln der Kleidung aufgefordert hatte, dachte Ulrich, das weiße Hemd und die kobaltblaue Krawatte ergänzten sich gut, die Farben leuchteten – oder hätten geleuchtet, wenn die Spiegelfläche nicht verstaubt gewesen wäre.
     Staub auf Spiegeln ärgerte ihn, nicht nur dort natürlich, denn er war insgesamt ein sehr ordentlicher Mensch und bevorzugte Sauberkeit vor vielen anderen Dingen im Leben. Aber Staub auf Spiegeln ärgerte ihn wirklich, er hielt ihn eigentlich für absolut inakzeptabel, und wenn er ehrlich war, fast schon für unerträglich, denn er sagte sich:
     Wenn diese vielen Flächen, die uns beinahe überall und täglich begegneten, mit keinem geringeren Auftrag angebracht wurden, als uns die Wirklichkeit und uns selbst genau so zu zeigen wie sie und wir sind, dann dürfen wir, die Menschen, die sie benutzen, nicht zu lassen, dass sich etwas zwischen uns und die Wirklichkeit stellt, sei es auch nur so dünn und unbedeutend wie eine feine Staubschicht.
     Er würde mit Sabine darüber sprechen müssen, sie war für die Sauberkeit des Schlafzimmers zuständig. Mit zu schnellem Schritt verließ er den Raum und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
     Unten strich Sabine gerade das rosafarbene Kleid ihrer Tochter glatt. Bald wird sie wohl schon zu alt für diese Art Kleider sein oder vielleicht war sie es auch jetzt schon und verzichtete nur ihrer Mutter zuliebe noch darauf, sich zu beschweren, dachte Ulrich etwas wehmütig.
     Unschlüssig, wie er die ungute Stimmung von zuvor harmonisieren sollte, stand er vor Mutter und Tochter, trat von einem Bein auf das andere.
     „Jetzt nehmt ihr mich aber mit, oder?“
     Er sprach die Worte mit Humor, wollte zumindest, dass es so klang. Der Ton erreichte das Ziel bei seiner Tochter, die lächelte und nach seiner Hand griff.
     Bei Sabine aber geschah das Gegenteil, sie gab sich Mühe, seine Frage geflissentlich zu überhören und weder mit Wort noch mit Geste zu kommentieren. Ihr war diese Angelegenheit nämlich viel zu ernst und sie empfand eine witzige Bemerkung an dieser Stelle äußerst unangemessen, zeigte sie doch, wie wenig ernst Ulrich diese Verabredung nahm, ja er machte sie ja geradezu lächerlich mit seinem Witz. Und wenn dies alles für Ulrich so unernst und lächerlich war, so bedeutete dies, dass auch die Dinge, die in ihrem Leben wichtig waren und am Ende sogar sie selbst für Ulrich unernst und lächerlich waren.
     So kam es, dass eine aus Unentschlossenheit heraus getroffene, unernste Bemerkung zwei Mal ernst genommen wurde und damit zwei gegensätzliche Reaktionen hervorrief. Seine Tochter nahm den Witz beim Wort und ihn an der Hand, seine Frau nahm den Witz ernst und identifizierte zielsicher einen Affront gegen sich selbst.
     Wortlos verließen die drei deswegen um Punkt viertel vor zwölf das Haus. Sabine war noch immer gekränkt, aber sie bemühte sich zumindest ihren Gang und ihre Haltung selbstsicher wirken zu lassen. In Gedanken bereitete sie sich schon auf das Gespräch mit den Krulls vor, wägte potenzielle Gesprächsthemen ab und überlegte, ob als Form der Begrüßung ein flüchtiger Kuss auf die Wange wohl angemessener als ein distanzierterer Handschlag sei. Sie entschied sich schlussendlich für ein Schütteln der Hände in Kombination mit einer leichten Berührung am Oberarm. Dies schien ihr die richtige Mischung aus höfflich-distanziertem Respekt und einer nur leicht angedeuteten Nähe und damit anklingender Gleichrangigkeit gegenüber einer Familie, die mit dem Oberbürgermeister der Stadt verwandt war.
     Das kleine Mädchen freute sich über die große, schwere Hand ihres Vaters und Ulrich, ja Ulrich wunderte sich über die schlechte Stimmung, die zwischen Sabine und ihm wieder einmal herrschte. Er hatte sich schließlich bemüht, positiv zu klingen und was er erntete, war nur Schweigen.
     Dann kam ihm der Staub am Spiegel wieder in den Sinn und dass er ihn Sabine gegenüber nicht erwähnt hatte. Damit war auch Ulrich gekränkt und es schien, als wäre ein Gleichgewicht wieder hergestellt.

III

Ulrich legte endlich den Schalter um und plötzlich funkelte und leuchtete es überall im Raum, die Sterne glitzerten am Nachthimmel, spiegelten sich in Seen und Flüssen und an den glänzenden Körpern einzelner Figürchen. Ulrich war gerührt, er erblickte sein Werk in neuem Licht und obwohl er sich für einen vollkommen rationalen Menschen hielt und ihm das sogenannte Übernatürliche oder andere Realitäten, immer völlig fremd und absurd erschienen waren, konnte er sich in diesem Moment nicht dagegen wehren, als in seinen Gedanken der Satz ‚wie in ein mystisches Licht getaucht‘ aufblitzte. Vermutlich war er nur Zeugnis eines im Gedächtnis hängen gebliebenen Fetzens Werbung, aber ganz gleich woher dieser Satz stammte, Ulrich fand, er passte gut zu dem leuchtenden Sternenhimmel und begann leise zu summen.
     Nach einer Weile spielte er den durch die Nacht komplettierten Tagesablauf mit seinen verschiedenen Lichtinstallationen durch. Die Figürchen würden nun mit der Morgenröte zur Arbeit, abends in der Dämmerung in ihre Wohnungen zurückkehren und nachts die Sterne über ihren Köpfen leuchten sehen können. Stolz dachte Ulrich daran, wie weit er schon gekommen war.
     Er hatte sich das alles ja nie zum Ziel gemacht, er hatte es nie wirklich beschlossen, sondern es war eher so geschehen, passierte sozusagen im Vollzug und war dann nicht mehr aufzuhalten gewesen. Und nun lag sie vor ihm oder vielmehr, nun stand er mitten im Zentrum seiner eigenen kleinen Welt.

Er schmunzelte, wenn er daran dachte, wie alles begonnen hatte und es erschien ihm wie ein glücklicher Zufall oder fast wie ein sonderbarer Traum, dass er heute hier stand.
     Damals hatte er gerade an seiner Steuererklärung gearbeitet und saß hierfür in seinem Bürozimmer im Keller.

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Mai/September 2013
Regina Rechsteiner