Die vier Zauberspiegel

Es war einmal ein sehr ängstlicher König, der saß auf seinem goldenen Thron und zitterte wie das Laub in den Bäumen, wenn der Herbstwind hindurch bläst. Um ihn herum war seine Besänftigungsarmee postiert und alle Männer, es waren beinahe hundert Stück, versuchten den armen König zu beruhigen.

Immer abwechselnd trat ein Besänftigungssoldat nach vorne und probierte ein anderes Mittel als sein Vorgänger. Der eine stand vor dem König und sang so sanft und mit so lieblicher Stimme ein Schlaflied, dass allen anderen Soldaten schon nach ein paar Tönen die Augen zu fielen, so ruhig wurden sie. Der König aber saß hellwach auf seinem goldenen Thron und zitterte.

Ein anderer Soldat erzählte wunderbar verwirrende Geschichten mit endlosen Handlungssträngen und immer neuen Helden und ihren Abenteuern und hörte und hörte nicht auf, bis alle im Thronsaal vor Müdigkeit laut gähnten. Nur der König hörte unentwegt, mit aufgerissenen Augen zu und zitterte vor Angst.

Noch ein anderer Soldat kam, legte dem König die Hand auf die sorgenvolle Stirn und murmelte geheime Zauberformeln, um dem König die Angst zu nehmen. Den anderen Soldaten wurde schon ganz schummerig vor lauter sonorem Gemurmel, aber der König zitterte und zitterte.

Und so ging es reihum, jeder aus der Besänftigungsarmee gab sein bestes, aber nichts wollte helfen. Und irgendwann, nachdem die hundert Soldaten jeder hundert Versuche getan hatten, wusste keiner mehr einen Rat und die Besänftigungsarmee zog ab. Da wurde es still im Thronsaal. Alleine saß der König da und zitterte vor Angst.

 

Eines Tages aber kam ein blauer Vogel ins Schloss geflogen und landete geradewegs auf des Königs goldenem Thron. Der König erschrak über den fremden Besuch und flüsterte ihm ängstlich zu: „Bitte tu mir nichts, kleiner Vogel, ich habe ja solche Angst!“ Darauf piepste der blaue Vogel: „Guten Tag Herr König, sei nur unbesorgt, ich tue dir nichts zuleide. Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten.“ Immer noch zitternd erwiderte der König: „Auch nicht vor deinem spitzen Schnabel?“

„Weder vor meinem spitzen Schnabel, noch vor meinen scharfen Krallen musst du dich in Acht nehmen. Ich bin nur ein blauer Vogel, fliege durch die Lande von hier nach dort und nach irgendwo ins anderswo. Jemandem etwas zuleide zu tun, käme mir gar nicht in den Sinn!“, antwortete der Vogel.

„Und was, wenn du mir nun versehentlich zu nahe kommst, wenn du mir ohne Absicht und nur aus purem Zufall, ein Auge mit deinem Schnabel auspickst oder mit deinen Krallen meine Adern aufbrichst?“, fragte der König weiter mit äußerster Besorgnis.

Als der Vogel die Frage des Königs hörte, blickte er eine Weile in dessen ängstliche Augen und flog dann zwitschernd davon. Der König aber wusste nicht, ob er sich nun freuen oder lieber Tränen vergießen sollte. Er überlegte hin und her, bis zum nächsten Tag und vergaß darüber sogar ein wenig das Zittern.

Da kehrte der blaue Vogel aber schon wieder zurück. Mit einem großen Spiegel im Schnabel kam er durchs Fenster des Schlosses geflogen, landete damit auf dem goldenen Thron und piepste dem König zu: „Nun lieber König, das hier ist ein Zauberspiegel, den ich für dich mitgebracht habe. Sieh hinein und sag mir, was du siehst!“

Der König blickte in den silbernen Spiegel und erschrak. Er sah sich selbst nur ganz entfernt in Konturen, schemenhaft, als hätte jemand sein Gesicht mit Tüchern verhüllt. Außerdem fehlten dem Spiegelbild Teile seiner selbst, er sah nur ein Auge, das halb verschlossen war und aus dem er nur zaghaft hervor blinzelte. Außerdem hatte sein Bild keinen Mund und auch die Hände fehlten. Der Kopf war wie halb abgeschlagen und dort, wo eigentlich das Herz im Körper liegt, klaffte ein schwarzes Loch. Der König wurde ganz bleich, zitterte und bebte wie die Flamme einer Kerze im Windzug.

Der blaue Vogel aber sagte: „Blick weiter hinein, guter König, was siehst du jetzt?“ Und der König sah weiter in das abscheuliche Bild des Zauberspiegels und da bemerkte er, wie aus dem schwarzen Loch in seiner Brust eine Spinne kroch. Sie war dick und klein, hatte sechs haarige Beinchen und grabbelte geschwind über das ganze Bild. Hinter sich her zog sie einen silbrig weißen Faden, den wob sie flink über das Gesicht im Spiegel, von der Nase zum Ohr und wieder zurück. Und je länger sie wob, desto weißer wurde das Ohr, bis es plötzlich einfach ganz und gar verschwunden war.

Als der König das gesehen hatte, konnte er nicht anders, sprang aus seinem Thron und lief schreiend aus dem Schloss. Der blaue Vogel flog ihm nach und zwitscherte ihm zu: „König, guter, schau schnell in den Teich neben dir. Blick hinein und betrachte dein Spiegelbild.“ Der König jedoch wollte nichts mehr sehen und irrte fast wahnsinnig vor Angst im Garten des Schlosses auf und ab. Irgendwann aber fiel sein Blick doch in den Teich und erstaunt sah er sich selbst, so wie er sich kannte und jauchzte vor Freude laut auf.

Der blaue Vogel kam gleich darauf und sprach zum König: „Höre nun, lieber König, was du vorhin gesehen hast, war dein Angesicht im Spiegel der Angst. Du hast wohl erblickt, was die Angst mit dir zu machen im Stande ist und wie weit ihre Gehilfin bei dir schon gekommen ist. Ihre Fäden nämlich sind von anderer Natur als das Garn ihrer gewöhnlichen Schwestern. In ihrem schwarzen Spinnenleib sind neben Angst und Sorge, Verzagen und Verzweiflung, Kleinmut, Furcht und auch schreckliche Panik eingepflanzt und aus diesen erzeugt sie ihre Fäden, mit denen sie dich umgarnt. Dieses Geflecht schließlich ist so giftig, dass nach und nach dein Seelchen aus dir entweicht. Dort, wo es im Bild des Zauberspiegels schon ganz entschwunden ist, verschwindet auch ein Teil deiner selbst. Deine Augen sind bereits fast leblos und starr, nur ein vorsichtiges Blinzeln bringen sie noch zustande. Dein Mund aber spricht bloß noch Angst, deine Hände tun bloß noch Angst und dein Ohr hört bloß noch Angst.“

Der König indessen zitterte mehr und mehr, je länger der Vogel sprach. Sein Gesicht war bleich wie das eines Gespensts als er stockend frug: „Lieber blauer Vogel, was du sprichst, ist so grausam, dass meine Ohren es kaum zu hören vermögen und deswegen bitte ich dich, sag schnell, was kann ich tun, um die schwarze Spinne zu besiegen und nicht vollends zu verschwinden?“

Der blaue Vogel piepste laut: „Ich bin froh, dass du mich gehört hast, es besteht also noch Rettung für dich. Höre denn, neben dem Spiegel der Angst gibt es drei weitere Zauberspiegel: den Spiegel des Muts, den Spiegel der Erkenntnis und den Spiegel der Liebe. Diese drei musst du suchen und in sie hineinblicken. Ein einziger Blick genügt und dein Seelchen kehrt zurück. Wisse aber auch, die Spiegel sind nicht leicht zu finden, sie sind tief verborgen in der Welt und dein Weg wird beschwerlich sein.“

Der König dankte dem Vogel tausendmal, wandte sich dann um und tat seine ersten zitternden Schritte in die Welt. Einen Moment noch, kreiste der Vogel über dem König und sagte: „Wenn du einmal in große Not kommen sollst, so rufe meinen Namen und ich werde dir helfen.“ Dann flog er davon.

 

Der König wanderte und wanderte, von Land zu Land, durch Städte und Dörfer, Wälder und Täler, über Berge und Flüsse. Und weil seine Angst dabei noch so groß war, schlief er bei Tag und ging bei Nacht.

So kam es, dass er eines Nachts zu einem Fluss gelangte, an dem Krieger ihr Lager aufgeschlagen hatten. Die Krieger waren rohe Menschen, lebten in Zelten, brieten Fleisch über dem Feuer und übten die ganze Nacht mit ihren Waffen zu kämpfen. Dem König wurde Angst und bang als er die starken Männer sah, wie sie brutal mit den Schwertern um sich schwangen, aber er zwang sich dennoch hinzusehen. Und da erinnerte er sich plötzlich an den Spiegel des Muts und er war sich sicher, dass wenn überhaupt, die Krieger wissen müssten, wo dieser zu finden sei. Langsam und vorsichtigen Schrittes ging er also auf das Lager der Männer zu und frug mit zitternder Stimme: „Verehrte Krieger, könnt ihr mir sagen, wo der Spiegel des Muts zu finden ist? Ich brauche ihn dringend, wenn ich nicht in ihn hineinblicken kann, so frisst mich die Angst mit Haut und Haar.“

Die Krieger machten finstere Mienen, packten den Fremdling und brachten ihn vor ihren Anführer. Dort wiederholte der König seine Frage mit schlotternden Knien. Der Anführer lachte erst und es klang mehr wie ein tiefes Grollen, dann sprach er: „Natürlich weiß ich, wo der Spiegel des Muts zu finden ist. Alle meine Krieger wissen es, aber es wird nicht einfach sein für dich dorthin zu gelangen. Ich sehe, du bist schwach und zitterst bei jedem meinem Wort. Aber wenn du nun dennoch hinein sehen willst, bereit bist viel dafür zu tun, so will ich deinem Wunsch nicht im Wege stehen.“

Der König antwortete schnell: „Ich tue alles, was ihr verlangt, wenn ihr mich nur in den Spiegel des Muts blicken lasst.“

„Gut, so bleibe dann ein ganzes Jahr in diesem Lager, lerne zu kämpfen, übe Tag und Nacht mit den Waffen bis du stark genug bist. Dann ziehe mit meinen Kriegern in den Krieg und dort wirst du in den Spiegel des Muts blicken.“

Der König erschrak, als er hörte, nun ein ganzes Jahr bei den Kriegern verbringen, kämpfen lernen und dazu in den Krieg ziehen zu müssen, aber noch mehr als vor dem Krieg, fürchtete er sich vor der schwarzen Spinne in seiner Brust und so willigte er ein.

 

Zwölf schwere Monate später saß er stark und fest im Sattel eines Pferdes, bereit in den Krieg zu ziehen. Das Zittern am ganzen Körper hatte während der langen Zeit schon nachgelassen, nur in seiner Stimme klang noch immer die Angst. Er galoppierte trotzdem mutig mit den anderen Kriegern zum Schlachtfeld, kämpfte um Leben und Tod und kehrte schließlich siegreich zurück. Die Krieger feierten daraufhin ein großes Siegesfest, tranken Wein aus Fässern und speisten wie Edelleute. Dem König aber war nicht nach Feiern zumute, er saß abseits der anderen und war traurig. Nach einer Weile trat der Anführer zu ihm und sagte: „Was sitzt du hier so traurig herum? Zum Kämpfen gehört auch das Feiern, also komm mit, trink und speis mit uns!“ Da erwiderte der König: „Der Krieg ist gewonnen und ich freue mich mit euch, aber sieh doch, es ist euer Sieg und nicht meiner, denn obwohl ich in den Krieg gezogen bin, habe ich nicht in den Spiegel des Muts geblickt und so werde ich wohl bald nicht mehr sein, weil die Angst mich mit Haut und Haar gefressen hat.“

„Es ist ebenso unser wie dein eigener Sieg. Komm, ich zeige dir den Spiegel des Muts“, antwortete der Anführer, führte den König zum Fluss und befahl ihm hineinzusehen. Nachdem der König hineingeblickt hatte, lachte er fröhlich und dankte dem Anführer tausendfach. Frohen Mutes verließ er die Krieger und machte sich auf die Suche nach den zwei anderen Zauberspiegeln.

 

Der König wanderte wieder lange Zeit durch die Lande, bergauf und bergab und gelangte endlich in eine Stadt. Weil er müde und hungrig war, kehrte er in einem Gasthaus ein und gönnte sich ein großzügiges Mahl. Schon nach kurzer Zeit bemerkte er, dass in dem Raum lauter Gelehrte und Wissenschaftler speisten und dabei glühend diskutierten. Es ging um eine große Sache, von äußerster Wichtigkeit und jeder, der sprach, argumentierte eindrucksvoller als sein Vorredner. Der König lauschte ergriffen den Worten, als plötzlich die Rede auf ihn fiel. „He, Sie da, ja Sie, Sie sind doch ein Fremder? Was sagen Sie zu diesem Thema, wie wirkt die Argumentation von außen betrachtet und wie geht man mit diesen Fragen in Ihrer Heimat um?“, sagte ein kleiner Mann mit grauem Haar und Brille. Als dem König klar geworden war, dass diese Fragen an ihn gerichtet waren, verschüttete er vor Schreck ein wenig Bier aus seinem Krug. Zaghaft und stockend antwortete er: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich den verehrten Herren weiterhelfen kann. Ich bin nicht von hier und verstehe nicht viel von diesen Dingen.“

„Nun, gerade aus diesem Grunde hatten wir Sie ja gefragt…“ sagte der der Gelehrte und rümpfte leicht die Nase, „aber wenn Sie durchaus nichts sagen wollen, dann sei Ihnen dies natürlich freigestellt.“ Und damit wandten sich die Herren wieder ab, um sich weiter im Wortgefecht zu duellieren. Dies betrübte den König, denn die Gelehrten beeindruckten ihn sehr und er rief ohne lange zu überlegen: „Ich möchte ja antworten! Mit Freuden würde ich mit euch die Analyse des Themas teilen und gewiss zu all euren Fragen mit abwägender Sorgfalt Stellung beziehen, doch ist dies leider nicht möglich.“ Und gerade wollte er zugeben, dass er nichts von dem Besprochenen verstehe, als ein anderer Gedanke in ihm aufblitzte, den er sogleich ins Wort nahm und er fuhr listig fort: „Es ist nämlich so, dass eben als die werten Herren Wissenschaftler diskutierten, sich alle meine Gedanken sammelten, um Antwort auf die eine Frage zu finden, von der gänzlich mein Vergehen oder Bestehen abhängt: Wo wohl der Spiegel der Erkenntnis zu finden sei.“

Sein Herz klopfte ihm bis ins bleiche Gesicht, nach seinem gewagten Ausspruch. Die Gelehrten murmelten daraufhin einen Moment, tauschten vielsagende Blicke und einer sprach: „Dies ist in der Tat ein äußerst diffiziles Anliegen, dass ihr da mit euch tragt. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich selbst und alle hier haben bereits in den Spiegel der Erkenntnis geblickt, wie ihr euch sicher denken könnt.“

„Dann könnt ihr mir sagen, wo er zu finden ist?“, warf der König leise flehend ein.

„Natürlich können wir das – jedoch, es ist nicht einfach und nicht jeder ist dazu fähig, in ihn hineinzublicken. Es bedarf einer langen Zeit, großem Fleiß und absolutem Streben. Drei Jahre müsst ihr bei uns verweilen, über hundert Bücher lesen und vielleicht ist es auch dann möglich, in den Spiegel der Erkenntnis zu blicken. Wenn ihr also die Entbehrung einer Suche ohne die Gewissheit des Findens zu ertragen in der Lage seid, dann helfen wir euch weiter“, sprachen die Gelehrten ernst und mit trockenen Stimmen.

Der König trat betreten von einem Bein auf das andere, denn ihre Worte hatten ihn noch mehr eingeschüchtert als die geistreiche Diskussion zuvor. Aber er dachte auch an die schwarze Spinne in seiner Brust und antwortete deshalb mit zitternder Stimme: „Alles was ihr beschrieben habt, bin ich bereit zu tun, wenn ich nur in den Spiegel der Erkenntnis blicken darf“ und in Gedanken fügte er noch hinzu: ‚sonst frisst mich die Angst mit Haut und Haar. ‘

Drei Jahre lang lebte der König bei den Gelehrten und Wissenschaftlern, las Buch um Buch, studierte, diskutierte, schrieb und dachte nach ohne Unterlass, am Tag und in der Nacht. Und je mehr sein Wissen dabei wuchs, desto weniger zitterte seine Stimme beim Reden. Bis er schließlich eine große Rede in einem noch größeren Saal, in dem sich beinahe die ganze Stadt versammelt hatte, hielt. Hunderte Ohren horchten auf jedes seiner Worte und jeden seiner Sätze, als glänzten sie wie geschliffene Diamanten und auch wenn kaum einer sie völlig begriff, so lauschten sie doch ergeben seiner tiefen und überzeugenden Stimme, die so wohl klang wie ein ganzes Orchester.

Am Abend, nachdem zahlreiche Gelehrte ihn zu seinen genialen Erkenntnissen beglückwünscht und schließlich alle den Saal verlassen hatten, trat der König alleine auf die Straße und war sehr traurig. In den Spiegel der Erkenntnis hatte er auch an diesem Abend nicht blicken können. Er lief betrübt in die Dämmerung und irgendwann kullerten zwei Tränen über seine Wange. Da trat ein kleiner Narr mit rotem Hemd und Glocken an der Mütze zu ihm und frug: „Wer bist du und warum weinst du? Der König antwortete: „Ich bin ein gelehrter Wissenschaftler und König und ich bin traurig, weil ich alles weiß und dennoch nicht in den Spiegel der Erkenntnis blicken kann.“ Die Augen des Narrs lachten und er sagte schelmisch: „Gott sei Dank! Ein Gelehrter! Bitte hilf mir dummem Narr doch weiter und beantworte mir eine Frage: Ohne welches Mittel gelingt der Geschmack keiner köstlichen Suppe?“

Obwohl sich der König über das sonderbare Gegenüber und die noch seltsamere Frage wunderte, dachte er nicht lange nach und antwortete: „Nun, ist dies Mittel das Salz?“

„Nein, fürwahr, das Salz ist es nicht, mein Herr. Noch eine Antwort habt Ihr frei, mein Herr Wissenschaftler“, lachte der Narr. Der König überlegte wieder nur kurz und gab triumphierend zur Antwort: „Dann ist dies Mittel eben im Ganzen des Begriffs das Gemüse, denn ohne Gemüse kann keine Suppe gelingen!“ Der Narr kniff seine Äugelein spitzbübisch zusammen und kicherte: „Nein, nein, wieder falsch!“ Dann zog er geschwind einen verbeulten Löffel aus seiner Hosentasche, hielt ihn vor das Gesicht des Königs und sprach im spöttischen Ernst: „Sieh an, so weißt du doch nicht alles. Und zur Belohnung darfst du einen Blick in den Spiegel der Erkenntnis blicken.“ Als der König sein verzerrtes Selbst im Löffel sah, erkannte er darin die Antwort, lachte nun ebenfalls und machte sich auf, um auch noch den letzten Zauberspiegel zu finden.

 

Wieder wanderte der König lange Zeit durch die Welt, sah Vieles und noch mehr, blieb nirgends lang und war in Gedanken ganz beim Spiegel der Liebe, denn obwohl er stolz war, bereits in die anderen beiden Spiegel geblickt zu haben, wusste er doch, dass er der Angst noch nicht ganz entkommen war. Rein äußerlich nämlich merkte man es dem König kaum mehr an, er zitterte nicht mehr und wanderte bei Tag, seine Stimme klang fest und furchtlos. In seinen Augen jedoch sah ein aufmerksamer Beobachter noch immer die Angst flackern.

 

Eines Tages gelangte er in ein abgelegenes Stück Land, das man das Wiesental nannte, weil sich dort überall und wohin das Auge reichte, nichts als wilde Wiesen erstreckten. Nachdem er den ganzen Tag durch mannshohe Gräsermeere gewatet war, entdeckte er ein kleines Häuschen inmitten einer Blumenwiese und weil er müde und hungrig geworden war, klopfte er an die Türe, um ein Stück Brot und einen Schluck Wasser zu erbitten. Die dicke Holztür sprang knarrend auf und heraus trat eine junge Frau mit freundlichem Gesicht und goldenem Haar. Als der König sie erblickte, war es sogleich um ihn geschehen und ein wenig später, nachdem er zu Speis und Trank hereingebeten worden war, war er bereits verliebt in das zarte Geschöpf, das ihm gegenüber saß. Doch die junge Frau lebte nicht allein, sondern zusammen mit einer alten Frau, die eine Zauberin war. Und diese beäugte den fremden Gast misstrauisch und beobachtete beide voll böser Ahnung, denn die junge Frau war ihr einziges Kind und sie wollte es um keinen Preis der Welt an einen Mann verlieren. Der König bemerkte von alledem nichts und erzählte heiter den Grund seiner Reise und dass er unterwegs sei, den Spiegel der Liebe zu finden. Als die Alte dies vernahm, witterte sie ihre Chance und sprach zum König: „Ihr sucht also den Spiegel der Liebe? Ich bin eine weise alte Frau, ich weiß, wie ihr ihn finden könnt. Es wird aber schwer werden, denn keinem ist dieser Blick vergönnt, der nicht großes Leid auf sich zu nehmen bereit ist.“ Der König, der nun schon mancher Schwierigkeit auf seiner Suche begegnet war, hatte nichts anderes erwartet und beeilte sich zu antworten: „Ich muss in den Spiegel der Liebe blicken, koste es, was es wolle und so bin ich bereit, alles auf mich zu nehmen, was da kommen mag.“ Die Alte lächelte tückisch und sagte: „Nun, wenn dem so ist, dann will ich euch verraten, was Ihr zu tun habt. Die Aufgabe klingt einfach und doch wird sie Euch unendlich schwer werden: Blickt niemals in die Augen einer Frau, seht immer daran vorbei, wenn Ihr mit ihr sprecht und wenn Ihr es einmal geschafft habt, Euch vor allen Blicken jeder Frau zu verschließen, dann seid ihr frei und werdet in den Spiegel der Liebe blicken können.“

Der König sah niedergeschlagen auf seine Hände, denn er wusste nicht, ob er diese Aufgabe jemals erfüllen könne, dann dachte er wieder an den Spiegel der Angst und an sein schreckliches Spiegelbild und so stimmte er zu, alles so zu versuchen, wie die Alte es ihm befohlen hatte. Die junge Frau hatte in der Zwischenzeit das Gespräch der beiden besorgt mit angehört und bekümmert darüber nun nicht mehr in die Augen des edlen Herrn, der ihr so gut gefiel, blicken zu dürfen, lud sie ihn zum Trotz der Zauberin ein, einige Zeit bei ihnen im Wiesental zu bleiben und für sie im Gegenzug ein paar Reparaturen an der Hütte vorzunehmen. Der König nahm die Einladung gerne an, aber je länger er blieb, desto schwerer fiel es ihm, der schönen jungen Frau nicht in die Augen zu blicken und mit der Zeit, quälte es ihn so sehr, dass er fühlte, das Herz wolle ihm zerreißen. So packte er also schweren Muts seine Sachen und verließ mit traurigen Schritten die Hütte der beiden, um den Spiegel der Liebe zu finden.

Er wanderte sieben Jahre durch Städte und Dörfer, sah niemals in die Augen einer Frau und war mir den Jahren ganz verschlossen geworden, so wie es ihm die Alte geraten hatte. Doch noch immer nicht hatte er den Spiegel der Liebe gefunden und eines Nachts sah er in die Sterne, spürte, dass er alle Hoffnung bereits verloren hatte und fing schließlich an kläglich zu weinen. In seinem Schmerz verwünschte er die Spiegel, die Spinne und seine ganze Reise, die am Ende ganz und gar vergebens gewesen sein sollte. Und endlich dachte er auch an den blauen Vogel und rief voll Bitterkeit: „Blauer Vogel, warum bist du einst zu mir gekommen und hast mich auf diese unsägliche Reise geschickt? Ach hättest du mich doch in meinem Schloss der Angst überlassen!“ Aber kaum hatte der König ausgesprochen, da kam der blaue Vogel aus der Nacht geflogen und setzte sich zum König. „Guter König, du hast mich gerufen und hier bin ich. Wie kann ich dir helfen?“ Der König schaute jammervoll zu ihm und rief: „Du fragst, wie du mir helfen kannst? Ich habe alles getan, was du mir geraten hast, habe Mut und Geist bewiesen, gekämpft und gestrebt und doch war am Ende alles vergebens, denn den Blick in den Spiegel der Liebe fand ich nimmer mehr. Und so bin ich am Ende verzweifelter als zuvor und mir bleibt nichts als Gram und Leid.“

Der blaue Vogel sah dem König einen Moment lang in die Augen und zwitscherte dann: „Morgen Nacht komme ich wieder, warte hier an dieser Stelle auf mich.“ In der nächsten Nacht kehrte der blaue Vogel zurück und im Schnabel trug er den Spiegel der Angst. Nachdem er ihn vor den König gestellt hatte, piepste er: „Blick hinein, blick hinein!“ Jedoch, der König erinnerte sich nur zu gut an das Schreckensbild, das ihm vor Jahren entgegen gestarrt hatte und wollte nicht hineinsehen. Aber der Vogel ließ nicht ab und piepste weiter: „Blick hinein, blick hinein!“ Und so fasste sich der König schließlich ein Herz und schaute hinein, aber was sah er?! Er sah nichts anderes, als sich selbst. Erstaunt schaute er in sein Angesicht und der Vogel zwitscherte vergnügt: „Verstehst du nun? Du bist frei, du hast die Angst besiegt, deine Reise war nicht vergebens.“

„Aber was ist mit dem Spiegel der Liebe, ich habe ihn doch nie gefunden. Du musst dich geirrt haben“, erwiderte der König noch immer betrübt.

„Und was, wenn du schon längst in den Spiegel der Liebe geblickt hast – vielleicht ohne es zu merken?“ Der König stutzte, es dauerte einen Moment, dann aber kam ihm die junge Frau aus dem Wiesental in den Sinn, er hatte jeden Tag an sie gedacht, seit er von ihr gegangen war und mit einem Mal verstand er, dass die Alte ihn betrogen hatte. Er dankte dem Vogel und schneller, als ihn seine Füße zu tragen vermochten, machte er sich auf den Weg zu seiner Liebsten ins Wiesental. Als er sie fand, blickten sie sich lange in die Augen und erkannten beide darin den Spiegel der Liebe. Glücklich zogen sie zusammen fort in das Schloss des Königs und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie dort noch heute.

 

Juni 2013