Die Halbkrankheit (Ein Kunstmärchen)

Es war einmal und war auch wieder nicht ein junger König, der lebte glücklich in einem kleinen, fernen Königreich, das ein sicherer und schöner Ort war, an dem die Menschen zufrieden lebten.

Seine Mutter und sein Vater und auch viele weitere seiner Vorfahren hatten jahrhundertelang klug und gütig regiert, sodass irgendwann Hunger und Krieg nur noch Stoff alter Geschichten waren, die man sich an kalten Tagen vor einem prasselnden Feuer erzählte. Das Volk besaß das, was es zum Leben brauchte bereits oder konnte es herstellen und auch Feinde oder streitsüchtige Nachbarn fanden sich keine, denn das kleine Königreich lag wirklich weit entfernt und abgelegen von der Welt. Der junge König konnte sich daher in großer Ruhe um seine Regierungsaufgaben kümmern und da dies dennoch meist nicht viel Zeit in Anspruch nahm, so widmete er sich dann den Künsten.

In seinem Schloss gab es nämlich drei Zimmer: ein Zimmer der Malerei, eines für die Musik und ein drittes für die Schriftstellerei.

Je nach Lust und Muse ging er in eines der drei Zimmer und malte, musizierte oder schrieb. Wenn er genug davon hatte, ritt er mit seinem Pferd über das Land und besuchte sein Volk.

 

Eines Tages streifte ein Fremder durch das kleine Königreich und gelangte zum Schloss. Er bat um ein Nachtlager, da er sich auf einer langen Reise befand. Der König war gastfreundlich und gewährte ihm seinen Wunsch und weil er Freude daran hatte, allerlei Geschichten aus der weiten Welt zu hören, ließ er den Fremden an seiner Tafel speisen.

Sie unterhielten sich prächtig, die Stunden verflogen und schließlich führte der König seinen Gast zu seinem Nachtlager.

Dabei passierten die beiden die drei Zimmer der Künste. Die Tür des Zimmers der Malerei stand einen Spalt breit offen, der Fremde spähte neugierig hinein und wollte sogleich alles begutachten. Weil der König den Besucher mochte, gewährte er ihm diesen Wunsch und ließ ihn eintreten.

Nachdem der Fremde sich ausgiebig umgesehen hatte, erklärte er dem König mit Nachdruck, welch fabelhafte Kunst er geschaffen habe und welch hohe Preise er wohl für diese Bilder auf dem Markt erzielen müsse. Kein Wunder sei ihm im ganzen Königreich noch kein Hunger begegnet, jetzt verstehe er, der König müsse mit großer Wahrscheinlichkeit schon eine Vielzahl seiner Bilder in Gold getauscht haben. Der König aber schwieg und dachte bei sich, der Fremde brauche ja nicht zu wissen, dass noch nie ein Mensch zuvor danach gefragt habe, eines seiner Bilder kaufen zu dürfen.

Nach zahlreichen weiteren Komplimenten des Fremden verließen sie das Zimmer der Malerei und kamen zum Zimmer der Musik, dessen Tür ebenfalls einen Spalt breit offen stand.

Der Fremde spähte abermals neugierig hinein und wollte auch dieses Zimmer besehen. Der König, noch ganz benommen von der Bewunderung seines Gastes, überlegte nicht lange und ließ ihn eintreten.

Überall im Raum standen verschiedene Instrumente und beeindruckt von der musischen Stimmung, die der Fremde schon ohne überhaupt einen Ton gehört zu haben, im Zimmer zu spüren glaubte, bat er den König, ihm ein Stück vorzuspielen. Dieser setzte sich an den dunkelbraunen Flügel und begann zu spielen.

Noch bevor er geendet hatte, liefen Tränen über die Wange des Fremden und er konnte sich kaum halten. Er schwärmte und erklärte dem König mit ernster Miene, seine Musik sei wundervoll und einzigartig. Kein Wunder sei der König überall in seinem Reich so beliebt, mit diesem seinem Spiel müsse ihm die Zuneigung aller Menschen zuteil sein.

Der König schwieg und lächelte, vielleicht war es ja wirklich so wie der Fremde sagte.

Schließlich kamen die beiden auch am dritten Zimmer vorbei. Dieses Mal ließ sich der König nicht lange bitten, öffnete die Tür und führte den Fremden ins Zimmer der Schriftstellerei.

Ein schwerer Schreibtisch stand umringt von Bergen aus Büchern mitten im Raum und auf ihm leuchtete weiß ein Stapel Papier. Der Fremde betrachtete eine Weile staunend all die dicken Buchrücken und frug dann den König, ob er ihm nicht eine seiner Geschichten vorlesen möge. Er willigte ein und las ein Märchen vor, welches er selbst geschrieben hatte und auf das er besonders stolz war.

Gerade als er seine Stimme zum Ende hin senkte, hob der Fremde den Blick und sah den König mit großen, ganz ergriffen Augen an. In feierlichem Ton erklärte er ihm, er habe gerade in die Ewigkeit geblickt, diese Geschichte sei größer als er selbst und mache ihn zweifellos unsterblich.

Bevor der König etwas erwidern konnte, fielen die ersten Strahlen der Morgensonne durchs Fenster, sie hatten die ganze Nacht gewacht.

Als der Fremde den Tagesanbruch bemerkte, hatte er es plötzlich sehr eilig. Er bedankte sich beim König für seine Großzügigkeit und Gastfreundschaft und verabschiedete sich.

 

Am Tag darauf konnte sich der König nicht mehr auf seine Regierungsaufgaben konzentrieren und streifte ruhelos durch die drei Zimmer der Künste. Die Reaktion des Fremden hatte ihn tief verwirrt. Nie zuvor hatte seine Kunst je eine solche Wirkung auf einen Menschen gehabt. Und der König errötete noch jetzt leicht, wenn er an die vielen Komplimente und die Freudentränen des Fremden dachte. Was aber wäre gewesen, wenn der Fremde gewusst hätte, dass vor ihm noch nie jemand so beeindruckt gewesen war.

Und was, wenn er gewusst hätte, dass er selbst, der König, bisher nichts von seiner Großartigkeit gewusst hatte und also seine eigene Kunst nicht zu kennen vermochte.

Dem König war unwohl bei diesem Gedanken und er dachte weiter: Vielleicht lag es aber vielmehr am Fremden selbst, vielleicht war er der einzige Mensch auf Erden, der so empfand und je so empfinden würde. Dies war durchaus möglich und auch nicht unwahrscheinlich, aber der König war schon wieder einen Gedanken weiter. Denn der Fremde hatte vermutet und war schon beinahe gewiss, dass er, der König, bereits jetzt reich, beliebt und bekannt für seine Kunst sei.

Schließlich und endlich war sich der König sicher: Dies musste bedeuten, dass auch andere so empfanden.

Und mit diesem letzten Gedanken rief er seinen Diener und befahl ihm noch am selben Tag einen großen Teil der Bilder auf dem Marktplatz des Reiches zum Verkauf anzubieten.

 

Anfänglich vollzog sich der Verkauf zwar etwas schleppend, aber schon bald wurde der Erfolg immer größer. Jeder im Königreich wollte schließlich ein Bild des Königs besitzen. Der König indessen war stolz auf seine Verkaufszahlen. Auch wenn er das Gold nicht benötigte, so machte es ihm doch große Freude.

Und bald schon sollte ihm diese Freude sehr wichtig werden, denn es trug sich zu, dass ihn, gerade zur selben Zeit, ein unbekanntes Leiden befallen hatte und ihm große Sorgen bereitete.

Begonnen hatte es an der königlichen Tafel oder vielmehr auf dem königlichen Teller, denn so sehr sich der junge König auch anstrengte und sich bezwang, er konnte das Essen auf seinem Teller nur noch zur Hälfte zu sich nehmen. Anfangs hielt er das Essen und die, die es kochten, für schuldig an seinem halben Appetit. Er ließ darum nur noch die begabtesten Köche mit den edelsten Zutaten seine Speisen zubereiten, aber es half nichts, der Teller blieb immer halb voll.

Und es wurde noch schlimmer, das unbekannte Leiden weitete sich auf alle möglichen Teile seines Lebens aus. Bald konnte er nur noch einen Schuh tragen, der andere Fuß wollte und wollte sich nicht in einen zweiten Schuh, gleich welcher Form oder Farbe, zwängen, bald wurde ihm sogar die goldene Krone auf seinem Haupte zu schwer und er musste sie in zwei Hälften schlagen lassen, um fortan nur noch eine leichtere, halbe Krone zu tragen.

Und so ging es fort und fort, der König schlief nur noch die halbe Nacht, sprach nur noch die halbe Zeit mit seinem Volk und malte schließlich nur noch halbe Bilder, schrieb halbe Musikstücke und erdachte nur noch halbe Geschichten.

Das ganze Schloss war in Sorge um seinen König und man ließ die fähigsten Ärzte und die empfindsamsten Heiler kommen, niemand wusste einen Rat. Sie gaben lediglich dem Leiden einen Namen, sie nannten es die Halbkrankheit.

Je länger die Krankheit währte, umso besorgter wurden auch die Menschen im ganzen Königreich. Alle wollten sie ihrem guten König helfen oder ihm zumindest eine Freude machen und so kauften sie immer mehr seiner Bilder.

Der König wusste diese Geste zu schätzen. Er freute sich sehr über das Interesse seines Volkes und die Freude vermochte sogar seine Sorgen für manche Stunde zu vertreiben. Daher erinnerte er sich auch eines Tages an das Musikstück, das er dem Fremden vorgespielt hatte und ihm kam der Gedanke, dass es ihm noch mehr Freude bereiten würde, wenn er für andere Menschen musizieren könnte.

Vielleicht war dies am Ende ja die Heilung seiner sonderbaren Halbkrankheit, hoffte der König insgeheim. Er rief seinen Diener und befahl ihm einen Konzertsaal herzurichten und Gäste einzuladen.

 

Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und alle lauschten andächtig der Musik des Königs. Sie waren stolz auf ihren begabten König und am Ende des Konzerts hallte der Applaus durch sämtliche Hallen des Schlosses.

Der König stand glücklich auf seinem Podest und die Freude glänzte in seinen Augen während er sich zum Abschied verbeugte. Er fühlte sich so gut, dass er von nun an jede Woche ein Konzert gab. Die eingeladenen Gäste kamen gerne und fanden so großes Gefallen an seiner Musik, dass der Applaus jede Woche ein wenig länger andauerte, als noch die Woche zuvor. Es bildete sich sogar ein Kreis von Musikliebhabern, die dem König wöchentlich ihre Bewunderung mitteilten.

Es hätte also kaum besser sein können, wäre da nicht die Halbkrankheit gewesen.

Der König litt zunehmend unter ihr und es trug sich zu, dass er nach einiger Zeit nur noch die Hälfte der Hälfte zu sich nehmen konnte. Der königliche Teller blieb nach einem Mahl nun noch voller, ganz gleich welche Köstlichkeiten sich darauf befanden. Und auch die anderen Dinge verringerten sich weiter, der Schlaf und das Gespräch mit dem Volk wurden immer kürzer und von den Bildern, Musikstücken und Geschichten brachte er nun nur noch ein Viertel fertig. Er begann und brach ab, so sehr er sich auch dagegen sträubte.

Schließlich wurde der König immer dünner und schwächer, seine Haut wurde grau und brüchig wie Asche, seine glänzenden Augen wandelten sich in stumpfe Knöpfe.

Zwar kamen immer noch Ärzte und Heiler aus aller Welt, aber niemand kannte ein Mittel gegen dieses unerbittliche Leiden. Der König war sehr unglücklich, seine Schwäche betrübte ihn sehr und er spürte, wie die Kräfte seines Lebens schwanden.

 

Eines Tages aber kam dem König wieder die Nacht in den Sinn, in welcher der Fremde gekommen war und mit einem Mal stand ihm des Rätsels Lösung ganz klar vor Augen: Der Fremde hatte es damals selbst gesagt – sein Märchen würde ihn unsterblich machen.

Er konnte die schreckliche Halbkrankheit nur besiegen und seine Lebenskräfte wiedererlangen, wenn er sein Märchen dem Volk vortrug.

Und so rief er seinen Diener und befahl ihm, alle auf dem Platz vor dem Schloss zusammenzurufen.

Schon am späten Nachmittag war das ganze Volk versammelt und der König trat voll Würde und voll Hoffnung auf den Balkon, um sein Märchen vorzulesen.

Alles hörte gespannt auf des Königs Worte und als das letzte seine Lippen verlassen hatte, war es ganz still.

Das Volk blickte mit ergriffenen Augen zum Balkon, der König aber sank auf die Knie und war tot.

 

Noch viele Jahrhunderte später kannte man des Königs Märchen. Jeder Vater erzählte es seinen Kindern und diese erzählten es ihren Kindern und immer so fort, sodass es nie in Vergessenheit geraten ist.

Manchmal kommt es vor, dass ein Kind fragt, wer das Märchen geschrieben hat und dann nennt sein Vater den Namen des Königs.

 

März 2013