Der Räuber

Es war einmal ein Maler, der konnte keine Bilder mehr malen und saß betrübt auf einer Holzkiste und starrte ins Leere. Es war einmal ein Musiker, der konnte keine Musik mehr machen und hielt statt seiner Geige nur noch den Flaschenhals in der Hand. Und es war einmal ein Geschichtenerzähler, der konnte keine Geschichten mehr erzählen und verkroch sich verzweifelt in einer Höhle unter der Erde.

Es ist überdies auch einmal ein Räuber gewesen, der unsichtbar und unfühlbar war und den niemand leiden konnte oder sogar weniger als das, der schlichtweg von jedem verkannt wurde.

 

Irgendwann beschloss der Räuber, endlich auch gesehen und gefühlt zu werden und machte sich auf den Weg, nach einem Mittel zu suchen, wie ihm dies gelingen konnte.

Da kam er zu einem kleinen, dicken Mann mit halbrundem Haaransatz, der sich, umringt von lauter bunten Leinwänden, mit gesenktem Blick vor einer besonders roten Farbfläche verbeugte, während um ihn herum eine Menge Menschen applaudierten und riefen: „Deine Bilder sind das Schönste, was wir je gesehen haben!“

Der Räuber blieb neugierig stehen und dachte bei sich, wenn dies das Schönste sein soll, was es zu sehen gibt, dann muss es mir gehören, damit auch ich gesehen werde und er schmiedete einen teuflischen Plan.

Als es Nacht geworden war und alle schliefen, stahl sich der Räuber zu den bunten Leinwänden und verwischte ganz geschwind den Namen des Malers unter jedem Gemälde. Stattdessen setzte er den seinen an diese Stelle.

Morgens erwachte der Maler nach einem bösen Traum, gähnte und wollte sich gleich an seinen gelobten Bildern erfreuen, als er mit Schrecken feststellen musste, dass es gar nicht seine Bilder waren, die dort standen, denn ein fremder Name prangte am Rande jeder Leinwand.

Daraufhin begann er zu weinen und zu klagen, schimpfte über jeden und keinen und am meisten über sich selbst.

Von diesem Tag an malte er keine Bilder mehr, denn er wusste ja nicht mehr sicher, ob er je welche gemalte hatte. Er setzte sich auf eine Holzkiste und begann darüber nachzudenken, was zu tun sei, aber es kam ihm keine Idee und so saß er bloß da und starrte vor sich hin ins Leere.

Der Räuber jedoch freute sich, denn alle Werke des Malers waren nun die seinen. Über seine Brust, die vor lauter Stolz schon mächtig angeschwollen war, hing er das rote Bild des Malers und zog mit großen Schritten und prächtigem Rumpf weiter durch die Welt.

 

Nach einer Weile kam der rot behangene Räuber zu einem schönen Feuer, um das viele Menschen vergnügt und mit bunten Bändern im Haar tanzten und sangen, während neben ihnen ein langer dünner Mann mit Spitzbart eine Geige unters Kinn drückte, um wie wild einen Bogen darüber zu streifen.

Die Augen des Musikers leuchteten und ebenso taten es die Augen der Tanzenden. Sie riefen: „Deine Musik ist das Lebendigste, was wir je gefühlt haben!“

Da horchte der Räuber auf und witterte seine Chance.

Er wartete bis es Nacht wurde und alles schlief. Dann schlich er leise wie ein kleines Mäuschen in das Zimmer des Musikers und tauschte geschwind die Saiten des Instruments durch starre Eisenfäden aus.

Als der Musiker am nächsten Tag wieder sein Publikum erfreuen wollte, kreischte seine Geige so entsetzlich wie eine rostige Säge und alle nahmen Reißaus.

Traurig ging er zurück in sein Zimmer, lief auf und ab und hin und her, wusste nicht wohin mit sich und der schrecklichen Geige, und griff schließlich zur Flasche.

Der Räuber aber hatte sich indessen die Saiten der Geige um den eigenen Arm gebunden und immer wenn ihm jemand begegnete, spielte er so entzückend mit sich selbst, dass derjenige, wer es auch war, stehen blieb und bei sich dachte, was für herrliche Töne die Welt doch hervorzubringen vermag.

 

Nach einer weiteren Weile stieß der fiedelnde Räuber mit dem rotem Rumpf auf einen Kreis von Menschen, die alle auf dem Boden saßen und mit offenen Mündern auf ihre Mitte starrten, in der ein schmächtiger Junge mit zerrissenen Hosen und strubbligen Haaren stand, aus dessen Mund die Worte nur so sprudelten, als wäre er ein Brunnen und die Zuhörer Blumen, denen dürstete.

Während der Junge erzählte, ruderte er wild mit den Armen, riss die Augen auf und sein Publikum gab keinen Laut. Erst ganz am Ende riefen sie: „Deine Geschichte ist das Spannendste, was wir je erlebt haben, wir haben uns selbst darin erkannt!“

Als der Räuber dies hörte, wusste er, was ihm noch fehlte, um nie wieder verkannt zu werden.

Er wartete also bis die Nacht hereinbrach, schlich sich in das Zimmer, in dem der Geschichtenerzähler lebte und stellte heimlich zwei große Zerrspiegel in die Ecken.

Am nächsten Morgen, als der Junge wie üblich den Vortrag seiner Geschichte zu üben begann, erblickte er mit einem Mal in der einen Ecke seines Zimmers einen spindeldürren, riesig langen Jungen und in der anderen einen gleichsam dicken, stark gedehnten Jungen, und beide trugen ebenfalls eine Geschichte vor, wie sie spannender nicht hätte sein können.

Angesichts dieser Konkurrenz verzweifelte der junge Geschichtenerzähler, rannte vor Scham und Wut aus seinem Zimmer in den Wald und verkroch sich in einer Höhle vor der Welt.

Der Räuber jedoch grinste und schrieb sich die Geschichte des Erzählers auf den Rücken, und wann immer jemand hinter ihm ging, konnte dieser lesen, wie großartig sein Vorgänger war.

 

In der Zwischenzeit war es dem Musiker schlecht ergangen, ohne sein Geigenspiel fiel ihm nichts anderes ein als zu trinken und so floss bald mehr Wein als Blut in seinen Venen. Als Bettler zog er daraufhin von Tür zu Tür und bat fremde Menschen um milde Gaben.

Auf diese Weise klopfte er eines Tages auch am Atelier des Malers an. Weil niemand öffnete, wankte der Betrunkene einfach hinein und erblickte umringt von lauter Leinwänden eine mannsgroße, steinerne Statue, die auf einer Holzkiste saß. Als er jedoch an die staubige Figur herantrat, öffnete diese ihre Augen.

Der Musiker erschrak erst, flößte dann aber dem erstarrten Menschen Wein in den trockenen Mund. Bald erhielten die Wangen des Mannes einen rosigen Schimmer, nach ein paar weiteren Schlücken stellte er sich als Maler vor und nachdem sie die erste Flasche gemeinsam ausgetrunken hatten, waren die beiden so gute Freunde, wie es nur Betrunkene werden können.

Fortan verbrachten der Maler und der Musiker ihre Tage gemeinsam und während sie eine Flasche nach der anderen tranken, erzählten sie sich von früher und ihren großen Künsten. Den Grund für das Ende ihrer Künste jedoch erwähnte keiner der beiden jemals.

 

Als nach einiger Zeit das Kapital des Malers bis auf die letzte Münze aufgebraucht war, verließen sie das Atelier, schwankten und wankten durch die Gegend und gelangten schließlich in einen  Wald.

Es war bereits tiefe Nacht geworden und die beiden suchten nach einem Schlafplatz. Sie fanden eine kleine Höhle unter der Erde und legten sich dort schlafen.

Am nächsten Morgen schrie der Maler laut auf – ein dunkles, haariges Wesen hatte mit ihnen die Nacht in der Höhle verbracht. Der Musiker sprang auf und das Wesen knurrte grässlich.

Die beiden erschauerten, klapperten vor Angst mit den Zähnen und wollten schon Reißaus nehmen, als das Wesen mit einem Mal zu kichern begann und sich als kleiner Junge zu erkennen gab.

Da beruhigten sich der Maler und der Musiker, und der Junge erzählte von seinen Geschichten, warum er in die Höhle geflohen war und wie er hier seither die Zeit zugebracht hatte. Seine zwei Zuhörer folgten aufmerksam seinen Erzählungen, waren nach einer Zeit ganz ergriffen, ja fühlten fast selbst, was der Junge lebhaft beschrieb. Und nachdem er schließlich geendet hatte, dauerte es nicht lange, bis beide, angesteckt vom Geschichtenerzähler, ihre eigene Geschichte widergaben und erzählten, warum sie hier in der Höhle gelandet waren.

Dann schwiegen die drei lange und sahen hinauf zu den Sternen. Es war wieder Nacht geworden.

 

Am nächsten Tag saßen der Musiker, der Maler und der Geschichtenerzähler vor ihrer Höhle, fingen die wenigen Sonnenstrahlen, die durch das dichte Geäst fielen mit ihren Gesichtern auf und schwatzen miteinander wie die ältesten Freunde.

Da erblickten sie plötzlich in einiger Entfernung auf dem Waldweg einen komischen Kauz herannahen. Von weiten sahen sie einen roten Rumpf leuchten, bald hörten sie feine Geigenlaute erklingen und als er fast vorübergezogen war und ihnen schon den Rücken kehrte, bemerkten sie lauter Buchstaben, die eben darauf geschrieben standen.

Einen kurzen Moment lang machte keiner einen Laut, dann schrien alle drei gleichzeitig:

„Mein Bild!“

„Mein Geigenspiel!“

„Meine Geschichte!“

Sie erkannten mit einem Mal die Wahrheit: Sie waren elendig bestohlen und hinterlistig betrogen worden!

Der Musiker heulte laut auf und wollte schon zur Flasche greifen, der Maler sank in sich zusammen und wollte schon nicht mehr denken und der Geschichtenerzähler sprang vor Wut auf und ab und wollte sich schon in der dunklen Höhle verstecken. Aber jeder der drei konnte auch die beiden anderen sehen, ihren Schmerz und ihre Wut erkennen und sie besannen sich. Gemeinsam schmiedeten sie einen Plan.

Kurze Zeit später machten sie sich ans Werk, sammelten dicke Äste und Steine, verschlossen den Eingang der Höhle damit und ließen nur noch einen kleinen Zugang offen. Dann begaben die drei sich auf den Weg, um die Spur des Räubers zu verfolgen.

Bald darauf hatten sie ihn auch wirklich eingeholt und als sie ihm ganz nah waren und schon die Geschichte auf dem Rücken zu lesen war, ergriff der kleine Geschichtenerzähler tapfer das Wort.

Mit gellender Stimme, halb lesend, halb schreiend, gab er seine Geschichte wieder. Der Räuber erschrak gehörig und drehte sich, um nur die fürchterliche Stimme nicht weiter hören zu müssen, geschwind herum. Aber der Geschichtenerzähler ließ sich davon nicht beirren, denn er kannte seine Geschichte ja auswendig und schrie sie dem Räuber noch lauter ins Gesicht. Dieser verstand die Welt nicht mehr, drehte sich hilflos im Kreis, als der Musiker mit einem Satz auf seine Schultern sprang, einen Geigenbogen zückte und auf seinem Arm zu spielen begann.

Verzweifelt zappelte der Räuber, versuchte sich zu befreien, aber da kam ihm schon der Maler in die Quere und warf ihm einen Eimer gelbe Farbe mitten auf den Rumpf. Dann schwang er den Pinsel und schrieb in großen Buchstaben seinen Namen auf das Bild.

Da sank der Räuber endlich jämmerlich zu Boden und winselte um Vergebung. Die drei aber packten ihn und schleppten ihn zur Höhle im Wald. Dort zwangen sie den Bösen hinein und verschlossen den Ausgang mit einem großen Stein.

Ach wie freuten sich da der Maler, der Musiker und der Geschichtenerzähler! Sie tanzten, sangen und sprangen umher wie drei kleine Kinder! Das war eine Freude!

Daraufhin verließen sie gemeinsam den Wald und weil sie so gute Freunde geworden waren, beschlossen sie zusammen zu bleiben und zogen in dasselbe Haus. Von diesem Tage an malte der Maler wieder, musizierte der Musiker wieder und erzählte der Geschichtenerzähler wieder Geschichten.

 

Es hätte schöner nicht sein können und eigentlich wäre damit auch das Ende der Geschichte erreicht, wäre nicht der Maler eines Tages im Wald spazieren gewesen.

Wie durch einen Zufall stieß er auf die Höhle von damals, doch was musste er entdecken?

Der große Stein war weggerollt, der Eingang der Höhle stand offen, der Räuber hatte sich befreit.

Ohne zu zögern rannte der Maler zu seinen Freunden und erzählte die schreckliche Nachricht.

Da überlegten sie lange, was sie tun könnten und schließlich fiel ihnen nur eine Lösung ein: Während zwei schliefen, würde der Dritte in der Nacht wachen und die beiden anderen vor dem Räuber bewachen. Und so kam es, dass jede Nacht ein anderes Fenster im Hause der Künstler erleuchtet war und sie nie wieder überfallen wurden.

Der Räuber aber zog weiter durch die Welt, um gesehen, gefühlt und erkannt zu werden.

Januar 2014