Der Palast der Bilder

Es war einmal ein König, der lebte in einem großen grauen Palast. Der König war seinem Palast sehr ähnlich, beide waren groß und ein wenig grau. Und beide waren genau so, wie sie sein sollten: Der Palast hatte eine Vielzahl an Zimmer, einen großen Saal, in dem der Thron auf einem Sockel stand und einen Balkon, von dem aus der König zu seinem Volk sprechen konnte, so wie es sich für einen Palast gehörte. Und der König besaß einen roten Mantel aus Samt, eine goldene Krone und ein mit Edelsteinen besetztes Zepter, so wie es sich für einen König gehörte.

 

Eines Tages kam ein Fremder in das Königreich und zum Palast. Er trat vor den König und sprach: „Majestät, Ihr lebt in einem so großen und glänzend gebauten Palast, die besten Architekten mussten hier offenbar die edelsten Materialien verwendet haben. Und doch machte es mich traurig durch die Gänge und Zimmer zu Eurem Thron zu gelangen. Denn etwas fehlt, Majestät.“

„Was soll das sein?“ fragte der König darauf.

„Nun, ganz einfach, in Eurem Palast gibt es keine Bilder. Alle Wände sind ganz blank und leer.“

Der König dachte kurz nach und musste dann dem Fremden Recht geben: „Was soll ich also dagegen tun?“

„Gott sei Dank, wie es der Zufall will, habe ich gerade ein Bild dabei. Es ist ein wunderschönes Bild, indem ein  Maler seine reichsten Ideen mit seinen strahlensten Farben aufs Papier gebracht hat. Seht es Euch genau an, es entspräche Eurem Stand und Eurer Person in höchstem Maße.“ Der König wusste nicht so recht, was er tun sollte, schließlich hatte er nie zuvor Bilder in seinem Palast gebraucht. Andererseits schaden konnte es wohl auch nicht.

„Und das Beste ist, obwohl es eine prachtvolle Arbeit ist, kostet es nur einen kleinen Preis“, fügte der Fremde mit seinem gewinnendsten Lächeln hinzu.

Schließlich war der König überzeugt und kaufte dem Fremden das Bild ab.

Am nächsten Tag kam der fremde Verkäufer wieder und hatte noch zwei Bilder unter dem Arm. Der König wunderte sich und fragte: „Was willst du schon wieder hier, ich habe dir doch das Bild bereits abgekauft?“

„Aber Majestät, seht, diese beiden Bilder sind auch sehr hübsch, ja wahrhaft bezaubernd. Und wie ich sehe, habt Ihr das erste Bild schon neben Eurem Thron an die Wand gehängt. Aber wie sieht das aus, nur auf einer Seite ein Bild? Ihr braucht doch auch auf der anderen Seite ein Bild, das zu Euch  und Eurem Thron passt. Das habe ich mir schon gedacht und deswegen bin ich zurückgekommen mit diesen beiden Bildern. Schließlich sind Eure Majestät der König, der mächtigste Mann im Königreich, und sollen natürlich die Wahl zwischen den zwei schönsten Bildern haben.“

Der König dachte wieder kurz nach und musste dem Fremden abermals Recht geben. Es hing nur links vom Thron ein Bild, da war es nur richtig, dass auch rechts eines platziert werden sollte. Er beschloss also ein zweites Bild zu kaufen. Dazu musste er sich zwischen den beiden Bildern des Fremden entscheiden, aber er merkte, wie ihm das gar nicht gelingen wollte. Er war hin und her gerissen, in einem Moment gefiel ihm das eine besser und gleich darauf im nächsten Moment befand er das andere als das schönere. Es war ihm beinahe so, als verlange der Fremde, er müsse sich statt zwischen zwei Bildern zwischen seiner linken und seiner rechten Hand entscheiden. Unfähig eine solche Entscheidung zu treffen, sagte der König schließlich zum Fremden: „Geehrter Herr, ich begrüße Ihren Vorschlag und ich verstehe durchaus die Notwendigkeit eines zweiten Bildes, aber ich kann und kann mich für keines der beiden Bilder entscheiden und so müssen Sie, so leid es mir tut, wieder gehen.“ So leicht ließ sich der Fremde aber nicht abspeisen und listig erwiderte er: „Königliche Majestät, ich kenne Euer Problem ganz genau, ich habe es selbst oft genug erlebt, es ist eine Qual nicht entscheiden zu können. Aber weil ich das Problem selbst kenne, weiß ich durchaus eine Lösung. Nehmt einfach beide Bilder. Hängt das eine Bild rechts neben den Thron und das dritte hängt gegenüber auf.“ Der König überlegte. Und der Fremde fügte wieder hinzu: „Natürlich, wenn Ihr zwei Bilder nehmt, bekommt Ihr einen besseren Preis von mir, das versteht sich von selbst, bei meiner Ehre!“

Endlich war der König vom Vorschlag des Fremden überzeugt und stimmte zu. Es hingen nun drei Bilder im großen Palast des Königs.

 

Jeden Morgen, wenn der König den Thronsaal betrat, fiel sein erster Blick auf die drei Bilder und jeden Abend, wenn er sich in andere Zimmer des Palastes begab, vermisste er sie. Und mit der Zeit erschienen ihm die anderen Zimmer bedauerlich kahl und leer, es war ihm als fehlte etwas in ihnen. Er bestellte daher den Fremden wieder zu sich und kaufte ihm noch mehr Bilder ab, um die leeren Stellen zu füllen. Schon bald wurde der Fremde zum königlichen Großhändler und schaffte Gemälde aus aller Welt für den König heran. Denn war der König anfangs skeptisch gewesen, so war er nunmehr wahrhaft begeistert und vollkommen eingenommen von den Bildern und ihrer Schönheit. Nichts konnte ihm größere Freude bereiten, als neue Bilder zu besehen und seinen Palast damit zu schmücken. Lediglich das Auswählen einzelner fiel ihm immer noch schwer, unentschlossen wie er war, hatte er noch ein jedes dem Händler abgekauft, bevor dieser überhaupt seine listigen Verkaufstaktiken hatte anwenden müssen.

 

Jahr um Jahr wurden so die Wände aller Zimmer immer bunt behangener und das Innere des königlichen Palastes wandelte sich gänzlich, man erkannte es kaum wieder. Bis eines Tages der Palast voll von Bildern war. Jede noch so kleine Stelle an der Wand war bedeckt und sogar das unbewohnte Kellergewölbe und der lehrstehende Dachboden waren mit Gemälden versehen. Der König musste, ob er wollte oder nicht, aufhören neue Bilder zu kaufen, wenn er nicht ältere wieder abhängen wollte. Und nichts lag ihm ferner, denn er schätzte jedes einzelne Bild als wäre es ein kleiner Teil seiner selbst und er hätte es nicht übers Herz gebracht, eines davon gegen ein neues auszutauschen. So wanderte er also ruhelos durch die vielen Räume und Säle seines Palastes und versuchte sich damit zufrieden zu geben, nun alle möglichen Bilder zu besitzen. An manchen Tagen fiel ihm dies ganz leicht, die Kunstwerke zwinkerten ihm freundlich zu, ja sie tauchten vor seinem Auge auf wie alte liebgewonnene Erinnerungen. An anderen Tagen hingegen bauten sie sich unbeweglich vor ihm auf wie stramme Soldaten und er spähte sehnsüchtig durch die kleinen Spalten und winzigen leeren Stellen, die zwischen den Bildern geblieben waren. Und wieder an anderen Tagen schwiegen sie ihn gleichgültig an und der König war so gelangweilt und ihnen so überdrüssig, dass er versuchte nur noch mit geschlossenen Augen durch seinen Palast zu gehen, um nichts mehr sehen zu müssen. Und an ganz anderen Tagen entzogen sich die Gemälde seinen Blicken wie seltsame Traumfetzen nach dem Aufwachen und er floh durch seinen Palast von einem Bild zum nächsten aus Angst eines zu übersehen. Der König wurde immer wunderlicher. Seine Stimmung war so wechselhaft wie die bunte Sammlung der Gemälde selbst und sie veränderte sich manchmal so plötzlich und abrupt, ganz wie Farbflächen in einem Bild.

 

Natürlich blieb des Königs Verhalten im Palast nicht unbemerkt. Vor allem seine Frau, die Königin, ärgerte sich über die Wechselhaftigkeit und Unbeständigkeit ihres Mannes und versuchte ihn zu beruhigen mit allen Mitteln, die sie kannte. Als aber alles nichts half und sie seine Launen nicht mehr ertrug, lies sie im ganzen Königreich ausrufen, dass derjenige, der einen Rat für des Königs Situation wisse, einen Topf voll Gold bekäme. Daraufhin kamen viele Gelehrte und ein kleines Mädchen. Die Gelehrten schlugen vor, alle Bilder abzuhängen und zu verbrennen oder gleich den ganzen Palast zu verbrennen und einen neuen erbauen zu lassen. Aber der König wies alle Vorschläge sogleich ab und ließ nichts gelten. Schließlich war niemand mehr übrig und so kam das kleine Mädchen an die Reihe und trat vor den König.

 

„Eure Majestät, verehrter König, Ihr habt um meinen Rat gebeten und hier bin ich nun, ich will ihn Euch gerne geben. Doch zuvor müsst ihr mir Eines versprechen: Kein Gold und keine anderen Reichtümer will ich von Euch als Belohnung, nein, was ich mir von Euch wünsche ist etwas Anderes. Es ist das Kotbarste, was Ihr besitzt, aber für alle anderen ist es wertlos, es begleitet euch bei Tag und bei Nacht, aber niemand kann es sehen, ja nicht einmal Ihr selbst, es wächst jeden Tag und jede Stunde seit Eurer Geburt und doch ist es kleiner als ein Sandkorn. Könnt Ihr mir diesen Wunsch erfüllen, Eure Majestät?“

Der König wusste nicht, was dieser wundersame Wunsch des Mädchens zu bedeuten hatte, da es aber nicht sichtbar und kleiner als ein Sandkorn sein sollte, würde er es ihr, was es auch sei, leicht überlassen können. Er erwiderte daraufhin: „Du sollst bekommen, was du verlangst.“

„Gut, dann hört nun, was ich Euch sage: Eure Majestät, Ihr lebt in einem großen Palast, der über und über behangen ist mit Bildern, die Ihr täglich betrachtet. Aber nie schaut Ihr mit denselben Augen: Mal ist es der Blick eines Vaters auf seine Kinder, mal der eines Tigers auf seine Beute, dann wieder ist es der Blick eines Gefangenen auf seinen Wächter oder der eines Diebes auf seinen gestohlenen Schatz. Eure Majestät, Ihr seid so unbeständig wie das Wetter im April, weil Ihr die Bilder von Herzen liebt und gleichzeitig hasst, weil Ihr sie am liebsten verbrennen wollt und gleichzeitig habt Ihr Angst davor, sie zu verlieren. Weder könnt Ihr die Bilder freigeben, noch könnt Ihr mit ihnen leben – das ist eure Schmach. So haben Euch alle zuvor nur entweder das Eine oder das Andere geraten. Die Lösung aber liegt in der Ordnung. Ich rate Euch daher, ordnet alle Bilder des ganzen Palastes und Ihr werdet sehen, Eure Not wird verschwinden.“

Der König blinzelte erst nachdenklich und sagte: „Das hat mir wahrlich noch keiner zuvor geraten“, dann fügte er ob der großen Ehrlichkeit des Mädchens etwas zorniger hinzu, „aber ob du Recht hast, kleines Mädchen, ist durchaus zweifelhaft! Dennoch, ich werde deinen Rat befolgen, aber wehe dir, wenn dein Rat Lüge war, dann werde ich dich des Landes verweisen! Und nun entferne dich.“

Das Mädchen aber blieb stehen und blickte den König lächelnd an. Dieser stutzte und begriff dann: „Natürlich, deine Belohnung – nenne deinen Wunsch!“

„Eure Majestät, wenn es Euch nicht stört, so belohnt mich nicht jetzt, befolgt erst meinen Rat und erfüllt meinen Wunsch danach.“

Der König wunderte sich, aber es war ihm ganz Recht erst später zu bezahlen und so erwiderte er: „Gut denn, dein Wunsch soll dir gewährt werden, nachdem ich deinen Rat befolgt habe.“

Daraufhin verneigte sich das Mädchen und wollte gerade den Thronsaal verlassen, als der König ihr noch einmal nachrief: „Halt, Mädchen, komm zurück und sage mir noch, nach was ich ordnen soll. Nach Größe, Form oder Farbe etwa?“

„Dies, Eure Majestät, ist eine Frage, auf die ich Euch keine Antwort geben kann. Ihr allein, könnt die Antwort auf Eure Frage wissen.“ Und damit verließ das Mädchen endgültig den Thronsaal und den König.

 

Die Antwort des kleinen Mädchens hatte den König überrascht und ärgerte ihn auch ein wenig, weil er sich aber nicht weiter zu helfen wusste, beschloss er alle Bilder seines Palastes der Größe nach ordnen zu lassen. Er rief seine Diener und befahl ihnen, die größten Bilder in seinen Thronsaal zu hängen und je weiter entfernt die Zimmer vom Thronsaal lagen, desto kleiner sollten darin die Bilder werden. Nach drei Tagen war die Arbeit der Diener vollbracht und in jedem Zimmer hingen Bilder von gleicher Größe. Die allergrößten und mächtigsten Gemälde aber waren um den Thron herum platziert. Der König wanderte nun wieder durch seinen Palast und besah seine Kunstwerke in ihrer neuen Anordnung. Leider jedoch musste er schnell feststellen, dass manche Bilder zwar von der Größe her, aber ansonsten überhaupt nicht zusammenpassten. Bald fand er sogar, sein Palast gleiche einem hässlichen Durcheinander und wäre daher seiner nicht mehr würdig. Daraufhin kamen nun auch des Königs Launen und wechselhafte Stimmung zurück und sie waren sogar noch schlimmer als zuvor. Erbost über den misslungenen Rat des Mädchens, wollte er dieses sogleich bestrafen und des Landes verweisen, wie er es angekündigt hatte. Seine Frau, die Königin, aber hielt ihn zurück und wies ihn darauf hin, dass er vielleicht nur die falsche Ordnung versucht habe und deswegen einen zweiten Versuch wagen solle. Der König musste seiner Frau Recht geben, denn das Mädchen hatte nicht gesagt, nach welcher Logik er ordnen solle.

 

Da die Ordnung nach Größe nicht schön genug gewesen war, beschloss der König nun alle Bilder des Palastes der Farbe nach ordnen zu lassen. Er rief seine Diener und befahl ihnen, die gelben und hellsten Bilder in seinen Thronsaal zu hängen und je weiter entfernt die Zimmer vom Thronsaal lagen, desto dunkler sollten darin die Bilder werden. Nach drei Tagen war die Arbeit der Diener wieder vollbracht und in jedem Zimmer hingen Bilder von gleicher Farbe. Der Palast glich einem großen Regenbogen, der im Thronsaal begann und sich über alle Zimmer erstreckte. Der König wanderte nun wieder durch seinen Palast und bewunderte die neue Ordnung. Die farbigen Zimmer leuchteten wunderschön, aber bald fiel dem König auf, dass zwar die Farben der Kunstwerke zusammenpassten, nicht aber deren Motive. Und dies ärgerte den König so sehr, dass bald darauf seine Launen und die Unbeständigkeit wiederkehrten und sie waren  noch schlimmer als zuvor. Er verwünschte das Mädchen und seinen Rat und wollte es schon des Landes verweisen. Die Königin jedoch gebot ihm abermals Einhalt und bat ihn, noch eine weitere Ordnung zu wählen, bevor er das Mädchen bestrafe.

 

Da die Ordnung nach Farbe keinen Sinn ergab, wollte der König die Bilder nun nach deren Motiv ordnen lassen. Seine allerliebsten Motive sollten ganz nah bei ihm im Thronsaal hängen und je weiter entfernt die Zimmer lagen, desto gleichgültiger sollten ihm die Motive der Bilder sein, die darin hangen. Er rief seine Diener, aber als er ihnen den Befehl erteilen wollte, merkte er, dass er gar nicht entscheiden konnte, welches Motiv ihm das liebste sei und welche Motive ihm weniger wichtig waren, sodass er seine Diener wieder fortschicken musste. Beunruhigt sprach er daraufhin mit der Königin.

„Liebe Frau, teure Königin, ich weiß mir nicht zu helfen. Wie soll ich bloß entscheiden, welche Motive mir die liebsten sind?“

Die Königin lachte: „Sei unbesorgt, ich kenne dich genau und weiß welche Motive dir die liebsten sind. Ich werde den Dienern an deiner Stelle die Ordnung der Bilder auftragen.“

Der König war froh über den Vorschlag seiner Frau und ließ sie nun nach ihrem Gutdünken ordnen. Als schließlich alles an Ort und Stelle war, wanderte er zufrieden durch seinen Palast und beglückwünschte sich zu seiner klugen Frau. Es war alles ganz nach seinem Sinn und schließlich  begann wieder Ruhe in den königlichen Alltag einzukehren. Die Diener freuten sich schon, nun keine schweren Bilder mehr durch die vielen Zimmer des Palastes tragen zu müssen, als plötzlich ein wütender Schrei des Königs durch alle Gänge schallte. Er hatte das erste aller Bilder, das ihm vor vielen Jahren der Fremde verkauft hatte, auf dem Dachboden entdeckt und war über die Maßen entrüstet, dass es die Königin so weit entfernt vom Thronsaal platzieren hatte lassen. Er rief seine Frau und schimpfte: „Königin, mit diesem ersten Bild hat alles begonnen und es ist mir daher teurer und kostbarer als alle anderen Bilder. Wie konntest du nicht wissen, was es mir bedeutet?“

Die Königin rümpfte beleidigt die Nase: „Natürlich wusste ich, dass es das erste aller Bilder war, aber es erschien mir nicht so wichtig“ und trotzig fügte sie hinzu, „wenn dir meine Ordnung nicht behagt, so befrage dann die weisesten Männer im Lande an meiner statt. Vielleicht wissen diese, was dir gefällt.“ Und damit schwieg sie für den Rest des Tages.

Der König ärgerte sich so sehr über seine Frau, dass er tatsächlich die weisesten Männer seines Landes herbeiholen ließ und ihnen befahl, seine Diener so anzuweisen, dass sie die Bilder mit seinen liebsten Motiven am nächsten zu seinem Throne hängen würden. Wie es der König aufgetragen hatte, so erfüllten es die weisesten Männer des Landes und wenig später besah der König das Ergebnis. Er begann im Dachboden und je näher er seinem Thronsaal kam, desto herrlicher, schöner und lieber waren ihm die Motive der Bilder. Ganz erfreut und glücklich setzte er sich schließlich auf seinen Thron. Als er aber den Kopf nach links drehte, erblickte er wieder das erste aller Bilder, das ihm damals der Fremde verkauft hatte. Und plötzlich war ihm klar, dass jenes erste Bild der Beginn all seiner Unentschlossenheit und seines Unglücks gewesen war und dass es somit niemals neben seinem Thron hängen durfte. Und voller Verzweiflung begriff er daraufhin, auch diese Ordnung konnte nicht die richtige sein. Der Rat des Mädchens hatte ihm also nur noch mehr Unglück gebracht. Aufgebracht ließ er das Mädchen rufen, um sie nun endlich zu bestrafen. Sie musste des Landes verwiesen werden, koste es was es wolle.

 

Als die Wachen das Mädchen vor den Thron gebracht hatten, sprach der König mit böser Stimme: „Nun Mädchen, komm heran du, höre diesmal, was ich dir zu sagen habe: Dein Rat war Lüge, du hast mich, mich, den König deines Landes, bitter getäuscht und betrogen! Für diese Tat sollst du nun deine gerechte Strafe bekommen. Niemals mehr will ich dich sehen, du musst mein Reich und mein Land für immer verlassen. Alleine, ohne Hab und Gut, ohne Familie und Freunde sollst du einsam in der Fremde leben. Hinfort mit dir!“ Dann wandte er sich an seinen Hofmeister und Rechtssprecher: „Die Strafe ist ausgesprochen und sei damit besiegelt. Kümmert euch um die Vollstreckung!“

Trotz des Königs Wut, die alle im Saal erzittern ließ, antwortete das Mädchen darauf mit ruhiger Stimme: „Eure Majestät, gütiger König, wenn mein Rat Lüge war, so betraft ihr mich mit vollem Recht und ich will die Strafe gerne auf mich nehmen. Bevor ich aber das Land und die meinen verlasse, erfüllt mir nun meinen Wunsch – so wie Ihr es versprochen habt.“

An den Wunsch hatte der König gar nicht mehr gedacht und er ärgerte sich, dass er ihn jetzt erfüllen sollte, wo sich doch gezeigt hatte, dass der Rat Lüge war. Schon wollte er das Mädchen ohne die versprochene Belohnung abweisen, als ihn der strenge Blick der Königin traf und so fragte er unwirsch: „Was also wünscht du?“

„Ich sagte es bereits: Es ist das Kotbarste, was Ihr besitzt, aber für alle anderen ist es wertlos, es begleitet euch bei Tag und bei Nacht, aber niemand kann es sehen, ja nicht einmal Ihr selbst, es wächst jeden Tag und jede Stunde seit Eurer Geburt und doch ist es kleiner als ein Sandkorn.“

Ungeduldig stieß der König aus: „Was soll das sein? Hör auf, in Rätseln zu sprechen!“

„Nun, wenn Ihr es nicht selbst erkennt – ich wünsche mir die Geschichte Eures Lebens. Bitte erzählt sie mir“, erwiderte das Mädchen.

Erst blickte der König ungläubig und ein wenig schockiert um sich, dann aber schickte er alle Menschen aus dem Thronsaal fort, um mit dem Mädchen alleine zu sein und begann zu erzählen. Drei Tage und drei Nächte erzählte der König seine Geschichte und das Mädchen hörte zu. Stunde um Stunde wurde er dabei offener und redete mit wachsender Freude und sie hörte immer geduldig zu. Als der König schließlich fertig war, bedankte sich das Mädchen aufrichtig und sagte: „Eure Majestät, ich danke Euch aus vollem Herzen für dies kostbare Geschenk. Euer Vertrauen war tief und Ihr habt mir meinen Wunsch großzügig erfüllt. Ich will nun meine Strafe empfangen und das Land verlassen, wie Ihr es wünscht. Lebt wohl, Eure Majestät.“

Der König aber hatte seine Zuhörerin während des langen Erzählens lieb gewonnen und zu gerne hätte er die über sie verhängte Strafe wieder zurückgenommen. Doch war diese ja bereits besiegelt und konnte nicht einfach aufgehoben werden. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als trotz seines ehrlichen Bedauerns das Mädchen des Landes zu verweisen. Zum Abschied reichte er ihr die Hand und da plötzlich fiel ihm ein, wie die Strafe einfach zu umgehen sei und freudig sagte er zum Mädchen: „Höre kleines Mädchen, deine Strafe ist ausgesprochen und besiegelt, daran ist nichts mehr zu ändern. Es sei denn, du stehst in des Königs Diensten, um einen wichtigen königlichen Auftrag zu erfüllen“, und nachdem der König einmal tief Luft geholt hatte, fuhr er fort, „hiermit beauftrage ich dich also mit der edlen Aufgabe, die Bilder im königlichen Palast in die richtige Ordnung zu bringen. Erfüllst du deinen Auftrag erfolgreich, sollst du frei und von deiner Strafe verschont sein!“ Bei sich aber dachte der König: ‚Die Ordnung der Bilder ist mir ganz gleich. Wenn nur das Mädchen meine ungerechte Strafe nicht erhält, so bin ich mit jeder Ordnung zufrieden, sei sie wie sie will.‘

Das Mädchen willigte ein. Drei Tage und drei Nächte ordnete sie die Bilder, während der König sich nur in einem kleinen Teil des Palastes aufhalten und das Mädchen nicht stören durfte. Als sie fertig war, verband sie dem König die Augen und führte ihn zum Thronsaal. Dort löste sie die Binde und der König sah, dass fast alle Bilder verschwunden waren und nur noch eine Handvoll im Saal hing. Entsetzt starrte er auf die kahlen Wände und die wenigen Bilder und wollte gerade wütend toben. Aber da nahm ihn das Mädchen an der Hand und führte ihn durch den ganzen Palast. An den Wänden aller Zimmer hingen nur noch wenige Bilder, aber sie hatten eines gemein: sie erzählten eine Geschichte, die Geschichte des König.

 

Von diesem Tage an lebte der König glücklich und zufrieden in seinem Palast und manchmal, wenn es Zeit war, stieg er den Dachboden hinauf oder den Keller hinab, wählte ein Bild aus seiner dort aufbewahrten großen Sammlung aus und ergänzte seine Geschichte.

 

April 2013