Aurelia

Die Wirklichkeit war mir nie genug. Selbst jetzt noch greife ich zu den alten Tagebüchern meiner Jugend, nur um über etwas zu lesen, das ich hinterher nicht mehr glaube. An manchen Stellen klingt der Text schwülstig, an anderen erinnert er an einen Bericht, der in Stakkato-Sätzen die Ereignisse wiedergibt. Ich bin keine Wahrheitssucherin. Ich behalte mir vor, meine eigene Wirklichkeit zu wählen.

Aurelia. Schon der Klang ihres Namens verriet es und noch bevor sie auftauchte, wusste ich, dass sie schön sein würde. Aurelia. Diese sieben Buchstaben lassen erhabene Königinnen, verzauberte Elfen und faszinierende Tänzerinnen vor meinem inneren Auge erscheinen. Für Franzosen mag es gewöhnlich klingen, schlicht und alltäglich wie für uns Andrea, Tanja, Stefanie. Für mich ist ihr Name eine Verheißung. Und ich habe mir geschworen, ihn nie wieder zu vergessen. Vielleicht werde ich meine erste Tochter nach ihr benennen. Ein kitschiges Vorhaben und ziemlich unwahrscheinlich. Es ist trotzdem das Erste, was mir einfällt, nachdem sie verschwand.

In der zwölften Klasse passiert eigentlich nicht viel Neues, wenn man vom Lernstoff oder von Partys mal absieht. Die angepassten Streber würden selbstverständlich protestieren und die lässigen Coolen die Augen verdrehen. Ich bin weder das Eine, noch das Andere, befinde mich noch nicht einmal im Spektrum zwischen den beiden Extremen. Im Spiel der Schule trete ich als Randfigur auf den Plan, wahrscheinlich stehe ich noch nicht mal auf dem Brett. Gerade deshalb kann ich es vermutlich am besten beurteilen. Von außen wirken die Dinge kleiner und klarer. Aurelia hat mich hineinkatapultiert, mitten ins Spielfeld. Ich denke immer noch darüber nach, welche Rolle ich dabei spielte. Vielleicht schreibe ich deshalb.

Sie sah aus dem Fenster, als Herr Mattes sie der Klasse vorstellte. Als suchte sie etwas zwischen den Ästen der Linde, deren Blätter draußen zu Boden sanken. Die Mädchen reckten neugierig die Hälse, schwiegen erst mit großen Augen, die Jungs warfen sich vielsagende Blicke zu, irgendwer schnalzte. Ich folgte ihrem Blick nach draußen und sah, dass es stürmte. Vielleicht war sie mit dem Wind gekommen. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Als sie zu ihrem Platz ging, blickte sie mich an. Seegrüne Augen, das Tor zu einer anderen Welt. Ich zitterte.

Auf eine merkwürdige Weise waren wir uns sehr ähnlich, obwohl von außen betrachtet nichts darauf hindeutete. Sie, eine Erscheinung, die alle Blicke auf sich zog und selbst in den Augen von Herrn Mattes ein Flackern erzeugte. Ich, nahezu unsichtbar, undefinierbar auf eine Art, weil ich mich nicht entscheiden konnte, weil ich nicht wusste, wer ich sein wollte. Im Grunde machte sie mich komplett, war die zweite Seite der Medaille. Auch wenn ich den Gegenpart darstellen sollte, so erwachte ich doch eigentlich erst in ihrer Schönheit zum Leben.

Ich habe sie nie berührt. Nicht ein einziges Mal den Arm angefasst, die milchweiße Haut, in die eine Handvoll blasse Sommersprossen wie ein Funkeln versunken war. Ich kann ihren Nacken noch vor mir sehen, kurze rötlich federzarte Fäden säumten den Haaransatz und die Stelle hinter den Ohren. Manchmal band sie das tiefrote Haupthaar während des Unterrichts nach oben und ich konnte nicht anders, als den Rest der Stunde, dieses Wunder zu betrachten. Ihr Kopf thronte auf dem Schwanenhals, emporgehoben aus dem eleganten Schwung der Schultern heraus, mit Haltung getragen in jeder Bewegung voller Anmut und Stolz. Es war einfach, sie um diesen Glanz zu beneiden, aber ich glaube, ich war die einzige, die ihn je wirklich verstand.

Ihr Erscheinen blieb nicht folgenlos. Die ersten Reaktionen kamen von den Jungs. Pfeifen, Rufen, Gurren, Schnalzen, die Hormone sorgten dafür. All das ließ mich an Tierdokumentationen denken und verzweifelte Balzversuche. Es war erniedrigend und ich hätte sie gerne in Schutz genommen. Doch die Jungs mussten ihr und sich selbst beweisen, wer das größte Geweih auf dem Schädel trug. Aurelia blieb vollkommen ruhig, sie rührte sich nicht, es schien alles an ihr abzugleiten. Sie trug ein unsichtbares Gewand und blieb unberührbar. Nur einmal reichte sie mir einen Zettel weiter, den jemand in ihr Buch gesteckt hatte. In krakeligen Buchstaben stand darauf: „Die Schöne und das Biest.“ Sie senkte den Blick und ich zerknüllte den Papierfetzen. Von diesem Tag an, waren wir unzertrennlich.

Ich weiß nicht besonders viel über sie. Aurelia war schweigsam und in sich gekehrt, bloß manchmal brach etwas aus ihr heraus, zerbrach die kühle Distanziertheit, jäh und blitzartig. Ihrer Schönheit tat das übrigens keinen Abbruch. Im Gegenteil. Das Unkontrollierte verlieh ihr etwas exotisch Fremdes, das mir unter die Haut ging und den Geschmack von Abenteuer auf den Lippen zurückließ. Wenn sie sich dann wieder zurückverwandelte kam mir ihre Miene fast ein bisschen wächsern vor, zumindest bis ihr Glanz wieder alle Zweifel zerstreute. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich mit ihr getauscht. Hätte ihre Gestalt angenommen, ihr Denken und Fühlen, wäre Aurelia geworden. Wie bereitwillig ich mich für sie aufgeben hätte, lässt mich auch heute noch erschaudern. Aber trotz allem blieb ich ich.

Sie besuchte mich auch zu Hause. Wir saßen auf dem Bett, hörten Musik, ich schämte mich für die verwaschenen Laken. Sie zog an dem rosa Tuch, das in der Ritze zwischen Bett und Wand steckte – als Schutz vor bösen Geistern. Das Zeugnis meiner Kinderängste staubte mächtig und sie lachte. Ein glockenhelles Glucksen. Ich versuchte es ihr wegzunehmen. Doch Aurelia sprang vom Bett, wedelte wie verrückt damit herum, begann zu tanzen, schlang es um ihre Hüften, warf es in die Luft, duckte sich darunter weg, drehte und drehte sich. Dabei verrutschten die Träger ihres kurzen geblümten Sommerkleides. Und dann, ohne ihre Bewegungen zu unterbrechen, streifte sie es sich ganz vom Leib. Ich erschrak, wollte etwas sagen, aber schon flogen auch der BH und die Unterhose durch das Zimmer. Sie war nackt, tanzte vor mir, warf den Kopf in den Nacken, übermütig und unerschrocken. Ich starrte sie an, sie riss mich mit. Vielleicht hätte ich das Klopfen gehört, wenn ich mich gewehrt hätte, wenn ich ihr bloß zugesehen hätte, vom Bett aus und mit der Türe im Blick. Wir hörten nichts. Mein Vater stand einfach so im Zimmer. Mit offenem Mund. Unfähig sich zu bewegen. Auch Aurelia erstarrte. Mir entwich ein spitzer Schrei. Und damit begann ihr Verschwinden.

Es nahm seinen Lauf in der Schule. Aurelia verliebte sich. In den schönsten Jungen der Parallelklasse, den Sportler, den Coolen. Klassisch. Bereits in tausend Teeny Filmen gezeigt. Bloß erzählt Hollywood das Ende jedes Mal falsch. Schönheit schützt nicht, sie bewirkt das Gegenteil. Die griechische Tragödie ist da ehrlicher, sie kennt den Menschen und sein Schicksal besser. Der Schönste holte Aurelia mit seinem Mofa ab und fuhr los. Der warme Augustwind blies in ihre rote Mähne und unter ihren Rock. Alles flatterte, am stärksten ihr Herz, als sie die Hände um seinen Bauch legte. Sie hielten vor einem großen Maisfeld mit hochgewachsenen Pflanzen. Weit und breit nur Wiesen und Äcker, das Nachtblau zog langsam über ihre Köpfe und er griff nach ihrer Hand. Sie betraten das Pflanzenlabyrinth, wanderten durch die Staudenreihen bis zu einem Loch irgendwo mitten im Feld. Dort öffnete er seinen Rucksack, holte eine Flasche Wodka heraus, grinste. Sie zögerte. Er nahm den ersten Schluck, sie den zweiten. Sie lachte, ein glockenhelles Glucksen, und begann zu tanzen. Der Schönste fasste an ihre Hüften, steckte seine Zunge in ihren Mund. Ein warmes Stück Fleisch wühlte zwischen ihren Zähnen hin und her. Sie tranken weiter, die Flasche fiel zu Boden. Aurelia war übel, die Zunge zwängte sich tiefer und wilder durch ihren Mund. Alles drehte sich, Nachtschwärze und Maiskolben wechselten pausenlos die Position. Sie übergab sich. Wollte nur noch liegen, schloss die Augen. Der Schönste legte sich auf sie. Sein Gewicht raubte ihr den Atem.

Er ließ Aurelia einfach liegen. Mitten in der Nacht wankte ich alleine durch das Feld, suchte eine Ewigkeit nach der Straße. Ich schnitt mir die Haare. Meine Schultern sanken nach vorne, ich versuchte nie wieder Aufmerksamkeit zu erregen. Ich zog mich zurück in mir selbst, vergaß die zweite Seite der Medaille. Aurelia hatte beschlossen sich vor der Welt zu verbergen und ich hinderte sie nicht länger daran.

Juni 2017